„Kindern muss vorgelesen werden!“ – ein Interview mit Heinrich Peuckmann

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17. Juni 2014 Print This Post

PeuckmannDer pensionierte Lehrer Heinrich Peuckmann ist seit 1984 als Buchautor tätig. Zu seinen zahlreichen Erscheinungen zählen unter anderem Werke wie „Tim und Anna fahren ein“ und „Robert, der Verkehrtmacher“. In einem Interview sprach medienbewusst.de mit dem Familienvater über die Entwicklung von Kindern und die Aktualität des Mediums Kinderbuch.

 

Ihr erstes Werk „Vater Freunde“ erschien vor genau 30 Jahren. Was bewegte Sie dazu, mit dem Schreiben anzufangen und Ihre Geschichten zu veröffentlichen?
Das Lesen hat mich immer schon immer fasziniert. Als Kind habe ich viel gelesen, obwohl das ungewöhnlich war, dass ein Junge aus einer Bergbausiedlung viel liest. Die Lust am künstlerischen Interesse brachte mich dann zum Schreiben.

Sie schreiben unter anderem Krimis, Theaterstücke, Romane und eben auch Kinderbücher. Wodurch wurden Sie dazu angeregt, für Kinder und Jugendliche zu schreiben?
Durch meine eigenen Kinder, denen ich vor dem Einschlafen häufig vorgelesen habe. Da habe ich gemerkt, dass ich doch auch für Kinder schreiben kann. Die ersten Anfänge waren Geschichten für eine Radiosendung des WDR, die so ähnlich war wie die noch heute bestehende Sendung „Der Ohrenbär“ vom RBB. Für diese Sendung bin ich ebenfalls noch als Autor tätig.

Sind Sie der Meinung, dass Kinderbücher aktuell sein müssen oder können Bücher aus anderen Generationen Kinder genauso positiv in ihrer Entwicklung beeinflussen?
Das ist der große Fehler, dass viele denken, Kinderbücher müssen immer aktuell sein müssen. Das ist für mich Quatsch. So ist beispielsweise das Buch von Selma Lagerlöf „Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“ ein so tolles Buch, dass man es noch in hundert Jahren lesen kann. Das sind Bücher, die man den Kindern geben sollte. Man sollte die Vergangenheit nicht abtun, weil sie irgendwie vergangen zu sein scheint.

Warum ist das Lesen, bzw. auch Vorlesen so wichtig für Kinder?
Lesen ist für die gesamte Entwicklung der Kinder wichtig. Zum Bespiel ist Lesen wesentlich für das Erlangen kognitiver Fähigkeiten. Auf dem Weg zum Erwachsenen ist es für ein Kind maßgebend, dass es lernt, begründet durch Wissen, zu entscheiden und dieses Wissen muss einem Kind unter anderem durch Bücher vermittelt werden. Deshalb müssen Kinder an das Lesen herangeführt werden; was viele Eltern heute nicht mehr machen. Für mich ist das eine Vernachlässigung ihrer eigenen Kinder, dass sie ihnen nicht vorlesen und ihnen auch nicht als Vorbild dienen, da sie selber nicht lesen. Das macht mir inzwischen große Sorgen. So hat die letzte Pisa-Studie herausgefunden, etwa 20 % der 15-jährigen Jugendlichen lesen nicht mehr und sind sogar nicht in der Lage, zu lesen.

Welche Botschaften halten Sie für Kinder in der heutigen Zeit besonders wichtig, welche helfen ihnen Ihrer Meinung nach, sich zu einer eigenständigen starken Persönlichkeit zu entwickeln?
Ich halte alle Geschichten für wichtig, die phantasieanregend sind und auch Mut machen. Das können aber auch Geschichten sein, die traurige Dinge schildern. Ich finde vor allem problematische Themen in Kinderbüchern einflussreich, weil diese Geschichten über das wahre Leben berichten. Auf diese Weise lernen Kinder, dass es Antworten und Lösungen gibt für Probleme, auf die sie in ihrem späteren Leben höchstwahrscheinlich treffen werden.

Was möchten Sie den Kindern in Ihren Büchern vermitteln?
Kurz gesagt: das Leben ist schön. Kinder sollen ihr Leben in vollen Zügen genießen und es in die eigene Hand nehmen, dabei aber möglichst unabhängig sein. Ich finde Kinder sollten sich nicht immer von der Oberfläche der Welt ablenken lassen, man kann sich auch die Welt anders vorstellen und anders deuten. Mein Ziel ist es, bei den Kindern die Phantasie anzuregen und einen Widerstandsgeist zu wecken. Daraus entstehen meiner Meinung nach stabile Kinder, die sich nichts vormachen lassen. Des Weiteren bin ich der Meinung, dass die Kinder über ihren Tellerrand schauen und andere Länder und Kulturen kennenlernen sollten. Dies verkörpert auch mein neues Buch, das im Herbst erscheinen wird. Es handelt von zwei Mädchen aus China, die in verschiedenen Stämmen leben und unterschiedliche Alltagsprobleme haben. Ein weiterer Wunsch von mir ist, dass die Kinder zu entwickelten mündigen Bürger werden.

Ist das Medium Kinderbuch konkurrenzfähig gegenüber den neuen Medien?
Das glaube ich auf jeden Fall. Kinder brauchen es, sich in ihren Büchern zurückziehen zu können. Für die Entwicklung eines Kindes ist es bedeutungsvoll, dass es nach Herzenslust schmökern und sich dadurch eine Phantasiewelt ausmalen kann. Das, glaube ich, macht unser Leben immer noch reich und deswegen finde ich es traurig, dass viele Kinder das nicht erfahren können. Dementsprechend ist es von enormer Bedeutung, immer wieder auf diese Kultur hinzuweisen.

medienbewusst.de bedankt sich bei Heinrich Peuckmann für das Interview und wünscht weiterhin viel Erfolg.

 

David Simons

Bildquelle:
© www.heinrich-peuckmann.de/

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