Pädophilie im Internet – Eltern sind überfordert

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15. Juli 2015 Print This Post

Pädophilie im Internet – Eltern sind überfordertDas Internet hat viele neue Möglichkeiten geschaffen. Leider auch für Pädophile. Cyber-Grooming nennt es sich, wenn Erwachsene Jugendliche im Internet mit sexuellen Hintergedanken anschreiben. Autor Horst Schwarz beschäftigt sich seit über fünf Jahren mit dem Thema. Um Jugendliche über die Gefahren von Chatforen aufzuklären, hat er den Roman „Laura im Netz“ geschrieben, der sich mit Pädophilie im Internet auseinandersetzt.

Sie haben eigentlich Sozialpädagogik und Theologie studiert, sind dann durch ihre Leidenschaft für das Genre zum Märchenautor geworden und haben sich aber 2011 mit „Laura im Netz“ einem komplett neuen Thema gewidmet. Wie kommt man von Märchen zu einem so ernsten Thema wie Pädophilie im Internet?
In meinen letzten Jahren als Dozent an der Fachakademie für Sozialpädagogik in Nürnberg wurde ich immer öfter mit dem Thema „soziale Netzwerke“ konfrontiert. Studenten haben dieses Gebiet zunehmend in ihren Facharbeiten verarbeitet. Als ich 2008 in den Ruhestand ging, wollte ich dieses Thema selbst aufarbeiten.

Wie sah Ihre Vorbereitung für „Laura im Netz“ aus?
Zuerst einmal habe ich mich hingesetzt und recherchiert. Nachdem ich einiges herausgefunden hatte, habe ich Schulklassen besucht und mich dort nach den Erfahrungen erkundigt, die Schüler in Chatforen gemacht haben. Aus meinen Notizen habe ich dann eine Geschichte gebastelt. Durch meine Erfahrung als Märchenbuchautor fiel mir das ziemlich leicht. Die Herausforderung war, mich in die jugendlichen Charaktere hineinzuversetzen. Mir musste es gelingen, die Handlung so aufzubauen, dass sie für Jugendliche interessant und glaubwürdig ist. Ich hatte das große Glück, junge Unterstützer zu haben. Sie haben mich in die Jugend‑ und Umgangssprache eingeführt und mir gezeigt, wie das in Chatforen abläuft. Mit ihrer Hilfe konnte ich mich innerhalb von eineinhalb bis zwei Jahren in das Thema einarbeiten.

Welche Tipps können Sie Jugendlichen geben, damit sie beim Chatten nicht in die Falle von Pädophilen geraten?
Es gibt eine Reihe von Dingen, auf die Jugendliche beim Chatten achten sollten, um Pädophile zu entlarven. Wenn der Chatpartner sehr schnell sehr viel über die Jugendlichen erfahren möchte, ist das bereits ein Zeichen, dass es sich um eine Person mit Hintergedanken handeln könnte. Fragen nach der Handynummer, Skype, dem richtigen Namen, der Schule und dem Heimatort sind mit Vorsicht und Zurückhaltung zu beantworten. Ein ganz klares Warnsignal ist die Frage, ob jemand mitliest und die Aufforderung, anderen nichts von der Chatbekanntschaft zu erzählen. Wer nicht möchte, dass Familie und Freunde von dem vermeintlichen Chatfreund wissen, hat etwas zu verbergen. Pädophile schrecken außerdem nicht davor zurück nach intimen Details, die meistens den Körper oder die sexuelle Erfahrung der Jugendlichen betreffen, zu fragen. Außerdem bitten Pädophile die Jugendlichen oft ohne Scheu sich vor ihnen nackt zu präsentieren. Viele bitten die Jugendlichen auch, ihre Webcam anzuschalten und behaupten von ihrer eigenen, dass sie kaputt sei. Aber Vorsicht: Wer sich nicht zeigen will, kann sich auch nicht zeigen. Außerdem passiert es immer häufiger, dass Jugendliche mit Geschenken oder Angeboten geködert werden. Pädophile geben sich als Fotografen aus, die die große Modelkarriere versprechen oder als Fußballfans, um Jungs in Fußballstadien einzuladen.

Es gibt aber auch Pädophile, die sehr bedacht vorgehen. Wie können Jugendliche trotzdem herausfinden, wie alt ihr Chatpartner tatsächlich ist?
Ein ganz simpler Trick ist um Hilfe bei den Hausaufgaben zu bitten. Wer im entsprechenden Alter ist, sollte sich auch mit dem Schulstoff auskennen. Außerdem kann man nach der Lieblingsmusik fragen oder nach Interessen. Solche Fragen kann ein 50-Jähriger in der Regel nicht beantworten. Auch auf die Sprache zu achten, ist ein einfaches Mittel. Erwachsene schreiben anders als Jugendliche. Sie beherrschen den Jugendjargon nicht und das fällt auf.

Welche Möglichkeiten haben Eltern, ihre Kinder vor den Gefahren des Internets zu schützen?
Eltern sind in der Regel völlig überfordert mit dem, was ihre Kinder in sozialen Netzwerken treiben. Weil sie sich in dem Gebiet nicht auskennen, können sie ihren Kindern auch keine Tipps beim Chatten geben. Leider musste ich feststellen, dass Eltern aber auch kein Interesse daran haben, sich auf diesem Gebiet schlau zu machen. Ich habe bereits viele Male Angebote für Eltern gemacht, die jedoch immer an mangelndem Interesse gescheitert sind. Die Eltern sollten sich aber mal anschauen, was ihre Kinder da so in ihrer Freizeit treiben. So würden sie sich vielleicht der Gefahren, die von Chatforen ausgehen, bewusst werden.

Viele Menschen bezeichnen das Internet als rechtsfreien Raum. Schließen Sie sich dieser Meinung an?
Nein, das Internet ist kein rechtfreier Raum. Seit 2004 ist Cyber-Grooming in Deutschland verboten und wird auch bestraft. Jedem Hinweis geht die Polizei nach. Das sage ich Jugendlichen immer wieder. Jeder Account kann zurückverfolgt werden. Wenn sich jemand seltsam verhält oder die Jugendlichen bedrängt, gleich einen Screenshot machen. Außerdem muss man sich Nickname, Datum und Uhrzeit des Chats, Chatsystem und Chatraum aufschreiben und diese Hinweise an die Polizei weitergeben.

Horst Schwarz bietet seit zwei Jahren interaktive Lesungen an deutschen Schulen an, um Schüler direkt aufzuklären. Wie Sie den Autor an Ihre Schule holen können, erfahren Sie unter www.maerchenzummitmachen-horstschwarz.de.

Janine Blum

Bildquelle:
© Anja Kömmerling

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