Über Mediendosierung und den therapeutischen Einsatz von Computerspielen

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5. Dezember 2010 Print This Post

Der Facharzt für Kinderheilkunde mit kinderneurologischer Spezialisierung Dr. Helmut Bonney betreibt seit 1998 seine eigene familienorientierte Praxis für Kinder‑ und Jugendpsychiatrie in Heidelberg. Neben dieser Tätigkeit veranstaltet Dr. Bonney regelmäßig Kongresse zu der systemischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen unter besonderer Berücksichtigung der ADHS. In seiner praktischen Therapiearbeit greift Dr. Bonney auch auf Computerspiele zurück, um eine entspannte und zwangsfreie Kommunikation mit den Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen.

Dr. Bonney, wie würden Sie die Tätigkeitsfelder Ihrer psychologischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen beschreiben?

Meine Ausbildungen und Sichtweisen computer_pdm_bonney.jpgsind sehr vielfältig. Zunächst einmal bin ich Kinderarzt geworden mit kinderneurologischer Spezialisierung. Zudem habe ich einige Jahre mit benachteiligten Kindern gearbeitet, zusammen mit einem Team aus psychosozialen Kollegen und Kolleginnen. Dazu gehört auch Krankengymnastik, Logopädie und vieles mehr. Außerdem bin ich Kinderpsychiater geworden, als weitere Facharztspezialisierung. Ich habe natürlich eine tiefenpsychologisch fundierte Therapieausbildung und bin auch als Familientherapeut tätig.

Ich arbeite fast jeden Tag in meiner kinderpsychiatrischen Praxis in Heidelberg. Hier befasse ich mich mit Problemlösungen aus dem gesamten Katalog kinderpsychologischer Störungen. Dazu gehört die Einzeldiagnostik und Therapie bei Kindern und Jugendlichen, die Arbeit mit den Familien und die Arbeit mit den pädagogischen Institutionen. Zudem habe ich einzelne Artikel und Bücher verfasst und werde immer wieder eingeladen, Fortbildungen zu machen für Mitarbeiter aus psychosozialen Berufen, welche vor allem etwas über die Familien‑ und systemorientierte Lösungsarbeit wissen wollen.

Warum bewegt Sie vor allem die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, was ist das Besondere an der Psychologie des jungen Menschen?

Ja gut, bei mir ist das zum einen natürlich die Berufsmotivation, die sich bei mir auf das bezieht, was Kinder brauchen. Einerseits was Körperliches betrifft, aber dann natürlich auch was die seelischen Zusammenhänge der Entwicklung und Einbettung in die Familie angeht. Ich beschäftige mich sehr gerne mit Kindern und finde das auch unglaublich sinnvoll, weil es eben darum geht, die Weichen zu stellen. Es geht darum, dass Kinder und Jugendliche alle Fähigkeiten erwerben, die sie benötigen, um im späteren Leben mit Problemen und Schwierigkeiten zurecht zu kommen.

Wie sind Sie dazu gekommen 1998 eine sozialpsychiatrisch und familientherapeutisch orientierte Praxis für Kinder‑ und Jugendliche zu betreiben? Was waren Ihre persönlichen Beweggründe für diesen Schritt?

Begonnen hat dies aber schon zehn Jahre früher, 1988 in einer anderen Stadt in der Nähe von Detmold. Dort hatte ich in einer Klinik eine systemgestützte Therapieabteilung für Kinder und Jugendpsychiatrie ins Leben gerufen. Erst später habe ich mich entschlossen meine Arbeit in Eigenregie fortzuführen. Dies war dann die Eröffnung einer sozialpsychiatrischen Praxis für Kinder‑ und Jugendpsychiatrie in Verbindung mit verschiedenen Mitarbeitern aus psychosozialen Berufen. Dies war auch nicht sehr einfach, da ich damals der einzige war in einem großen Umkreis der eine solche Arbeit begleitet hat. Dann habe ich Detmold 1997 verlassen und ein ähnliches Muster hier in Heidelberg mit meiner eigenen Praxis etabliert.

Welchen Beitrag leisten Medien Ihrer Meinung nach bei der Sozialisation von Kindern und Jugendliche, inwieweit werden Sie durch Inhalte beeinflusst?

Es ist ja so, dass sich Informationsquellen für Kinder und Jugendliche enorm verändert haben. Früher war es so, dass Informationen an Leute gebunden waren, die lesen können. Das waren dann auch erst einmal die Eltern. Erst als die Kinder dann selber lesen konnten, hatten sie die Möglichkeit, sich selber mit Informationen zu versorgen. Dies hat sich nun aber geändert, das heißt es gibt einen überwiegend visuellen und akustischen Weg auf dem die Information ins Kinderzimmer kommt und die Kinder längst erreichen, bevor diese Lesen können.

Auch später wird vieles über andere Wege in die Kinderzimmer und Familien getragen. Dabei haben die Kinder auch enorme Fähigkeiten entwickelt damit umzugehen. Oft müssen dennoch die Eltern Ihren Beitrag leisten, um den Kindern die Inhalte aus den Medien passend zu vermitteln. Das bedeutet vor allem zu dosieren, weil die Stimulationsrate ja ungeheuer hoch ist. Ich möchte diese Wirkung aber nicht verteufeln. Das Tempo der Informationsaufnahme ist natürlich auch sehr hoch. Bei Büchern kann man zumindest nochmal vor‑ und zurückblättern. Audiovisuelle Medien kann man leider meist nur an‑ oder ausschalten. Das ist auch der entscheidende Punkt, weshalb hier die Kinder auch die Begleitung Ihrer Eltern benötigen.

Auf welche Gefahren bei der Medienrezeption von Kindern und Jugendlichen sollte man, Ihrer Meinung nach, als Erziehungsbeauftragter besonders achten?

Meiner Meinung nach muss es immer eine bestimmte Ausgewogenheit zwischen Medienzuwendung und „normalen“ Freizeitaktivitäten wie Basteln oder ähnlichem geben. Ich beobachte immer wieder, dass es hier auch einen großen Verführungscharakter gibt. Ich schalte den Fernseher oder den Computer ein und sofort ist dort etwas zu sehen. Dabei gibt es aber noch den Unterschied, ob ich mir im Fernsehen einen Film oder eine Geschichte ansehe oder ob ich am Computer beispielswiese mit Bildbearbeitungsprogrammen arbeite. Dennoch ist per Knopfdruck dort immer ein Bild zu sehen, das ich weder gezeichnet, noch mir ausgedacht habe und das ist dann einfach da.

Natürlich gibt es auch praktische Dinge, aber es ist dennoch wichtig, dass Kinder Selbstwirksamkeit kennenlernen. Dass sie selber etwas zum anfassen erschaffen können, wofür sie auch Anerkennung erhalten, ist enorm wichtig. Wenn so etwas den Kindern dann kein Spaß mehr macht, ist diese Ausgewogenheit eben nicht mehr gegeben. Die Selbstwirksamkeit, dass jemand mit der Summe seiner Fähigkeiten und Möglichkeiten noch etwas Haptisches schaffen kann, ist auch sehr wichtig für die spätere Motivationsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen.

Wie wichtig ist an dieser Stelle Ihrer Meinung nach ein bewusster Umgang mit den einzelnen Medien?

Also bewusster Umgang auf zwei Ebenen: Zum einen sollten die Kinder eben nicht mit Ihrem Fernsehgerät im eigenen Zimmer alleine gelassen werden, so dass sie hier mit Stimulationsdauerräuschen vereinsamen. Zum anderen sollte man dem Gerät, welches man benutzt, einen Auftrag geben. Ich schalte den Fernseher ein, weil ich eine bestimmte Sendung sehen will und wenn ich die gesehen habe, mach ich wieder aus. Das passiert natürlich selten auf diese Weise. Medienkonsumgewohnheiten haben sich ja inzwischen automatisiert. Ich muss lernen meinem elektronischen Gerät zu sagen, was es mir bieten soll und ich bin derjenige, der entscheidet was es tut. Natürlich ist die Begleitung durch die Eltern wichtig, Sie müssen bereit sein, einen Film gemeinsam mit dem Kind anzuschauen, um dann auch in den Dialog treten zu können und zwar auf gemeinsamer Basis. Die Kinder dürfen hier natürlich nicht alleine gelassen werden.

Gibt es bestimmte mediengestützte Therapiemöglichkeiten in der Psychiatrie zur Heilung von psychischen Krankheiten?                            

Ich habe mir eher zufällig überlegt, ob ich nicht irgendwelche Spielmöglichkeiten in meiner Arbeit nutzen kann. Mein Sohn hat mir irgendwann einmal eine CD gegeben mit einem Billardspiel und in einer Therapiestunde habe ich das aus Spaß eingesetzt. Ich habe dann zusammen mit dem Kind das Computerspiel gespielt und mich dabei über alles Mögliche unterhalten.

Gerade für Jungs ist es immer wieder schwierig, einem Therapeuten gegenüber zu sitzen und Gespräche zu führen. Wenn wir uns aber bei einem gemeinsamen Spiel unterhalten, geht dann auf einmal alles Mögliche. Dies hat sich also als sehr förderlich erwiesen, vor allem weil man auch eher nebeneinander sitzt, gemeinsam etwas macht und damit das Gefälle zwischen Arzt und Kind teilweise aufheben kann.

Die Spiele eignen sich dann auch hervorragend, um auch mal metaphorische Äußerungen zu machen wie, z.B. ‚man muss immer das Ziel im Auge behalten‘ und so etwas in der Art. Hier habe ich festgestellt, dass es auch Transferleistungen gibt, Dinge aus dem Spiel werden auch auf das Leben übertragen. Spiele eignen sich also insofern als günstige Kommunikationsplattform während den Therapiesitzungen. Natürlich setzt ich auch Lernsoftware ein, da bin ich auch mit einer Logopädin verbunden, die eine solche Software entwickelt hat.

Sie selber hatten einige Fernsehauftritte bezüglich Ihres Tätigkeitsbereiches. Welche Rolle spielt die mediale Berichterstattung bei der Aufklärung und Prävention psychischer Krankheiten Ihrer Meinung nach?

Grundsätzlich spielt es eine riesige Rolle. Einerseits können sich Laien hier informieren. Dies ist teilweise auch anstrengend, da man vor allem darauf achten sollte, Dinge zu sagen, die auch nützlich sind. Es hat mich immer dennoch ein bisschen gestört, dass bei späteren Anfragen von Fernsehanstalten diese oftmals nur ihre Quote im Hinterkopf hatten. Ich habe da auch schon Auftritte abgelehnt, weil hier eine gewisse Polarisierung erwünscht war, besonders zu Themen, die schon zu oft durchexerziert wurden, so dass der Wert solcher Dokumentationen so langsam gegen Null geht. Die Chancen sind dennoch sehr gut, dass man etwas demonstriert, den Leuten etwas mitgeben kann und gegebenenfalls auch in Dialog treten kann. Man merkt aber teilweise auch, wo eine bestimmte Lobby gewirkt hat und bestimmte Dinge ganz tendenziös dargestellt werden.

Welche Anlaufstellen und Quellen können Sie persönlich Eltern und Erziehern empfehlen, die sich über psychologische Erkrankungen informieren möchten?

Die Fachbücher sind für Laien eigentlich weniger geeignet. Auf der einen Seite ist es erstmal entscheidend, was jemand genau wissen will. Auf der anderen Seite gibt es verscheidene Betrachtungsweisen. Ein Psychoanalytiker sieht die Dinge anders als ein Verhaltenstherapeut, weil die Beobachtung vom Beobachter abhängt. Ich werde ja auch immer wieder nach guter Literatur gefragt. Dann frage ich meistens erstmal was diejenigen denn eigentlich wissen müssen und schon bin ich wieder im Dialog.

Ich habe auch in meinem Wartezimmer keine Fachzeitschriften und nehme da auch gerne eine Lücke war. Dennoch gibt es auch gute Ratgeber wie zum Beispiel „Lebenslust“ aus dem Auer-Verlag, die vor allem auch auf einem lesbaren Niveau geschrieben sind. Ich kann jedem mit Problemen nur wünschen, dass er einen anderen Menschen trifft, der befähigt ist, mit ihm lösungswirksame Gespräche zu führen, um eine Individuelle Lösung zu finden.

medienbewusst.de bedankt sich bei Dr. Helmut Bonney für das Interview und wünscht weiterhin viel Erfolg.

Joerg Blache

Bildquelle: Portraitfoto zur Verf. gestellt ⅴ. Dr. Bonney

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