Therapiespiel: „Zappelix zaubert“

Artikel weiterempfehlen

Um Artikel über soziale Netzwerke weiterzuverbreiten, müssen Sie diese aktivieren - für mehr Datenschutz.

16. März 2011 Print This Post

Am 4. März 2011 wurden zum dritten Mal  im Rahmen der Serious Games Conference auf der CeBIT die Awards für die besten Serious Games verliehen. Wissenschaftler und Journalisten bildeten die Jury, die für die Bewertungen der insgesamt 57 Einreichungen zuständig war. Das für Kinder mit AD(H)S konzipierte Spiel „Zappelix zaubert“ gewann den Serious Games Award in Silber. medienbewusst.de stellt Zappelix vor und sprach mit seinem Erfinder.

Der Markt um Therapiespiele, die bei psychotherapeutischem Behandlungsbedarf eingesetzt werden können, steckt aus Sicht der Entwicklung noch sehr in den Kinderschuhen. Es tummeln sich auf diesem Markt noch viele schwarze Schafe, die mit der Not der Eltern Geld verdienen wollen und dabei ineffiziente Produkte zu horrenden Preisen auf den Markt bringen.

Wichtig bei solchen Spielen ist, dass sie in einem Forschungskontext entstanden sind und somit durch Evaluationen auf ihre Effektivität getestet worden sind. So wie in diesem Fall „Zappelix zaubert“ zur Behandlung von Kindern mit AD(H)S, welches in Zusammenarbeit des Heidelberger Facharzt für Kinderheilkunde mit kinderneurologischer Spezialisierung, Dr. Helmut Bonney, und der MultiMediaManufaktur entwickelt wurde.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass „Zappelix zaubert“ keinen Therapie-Ersatz darstellt, sondern vielmehr eine Ergänzung der AD(H)S-Behandlung. Zu den gängigen Behandlungsmethoden, wie beispielsweise der Verordnung von Ritalin, hat Dr. Helmut Bonney eine ganz eigen Meinung:

„Die Arznei führt dazu, dass das Kind, wenn es einem Handlungsimpuls gefolgt ist, den nächsten nicht mehr ausführt. Die Behandlung mit Ritalin verhindert somit das Ausführen der nächsten Handlung. Das Kind ist dann zwar nicht mehr in der Lage jedem Impuls zu folgen, aber es gibt dabei keinen Lerneffekt. Wird das Medikament abgesetzt, ist alles wieder beim alten. Darüber hinaus sammeln betroffene Kinder in ihrem Alltag jede Menge Entwertungserfahrungen. Da setzt das Spiel an, es verhilft zu Anerkennungserfahrungen“, so Dr. Helmut Bonney

Die Story

In „Zappelix zaubert“, schlüpft der Spieler in die Rolle des Jungen Zappelix, der seit Jahren von Plagegeistern heimgesucht wird. Diese verfolgen ihn in den verschiedensten Lebenssituationen und machen ihm das Leben schwer. An seinem Geburtstag ist Zappelix endlich in der Lage, die Plagegeister zu sehen und er  unternimmt den Versuch sich gegen sie zur Wehr zu setzen, um ein ganz normales Leben zu führen. Das Spiel ist geeignet für Kinder ab fünf Jahren, die unter dem Aufmerksamkeitsdefizit‑/Hyperaktivitätssyndrom leiden.

Das Spiel

Mit Zappelix wurde ein Charakter erschaffen, der Kindern mit AD(H)S eine Identifikationsfigur bietet. Er leidet unter seiner ständigen Unruhe und dem damit verbundenen Scheitern im Alltag. Dieser Alltag wird im Spiel durch verschiedene Level-Typen simuliert und regt die jungen Spieler zu enormer Achtsamkeit und zu gut überlegtem Handeln an. Um das Spiel erfolgreich zu meistern bedarf es einer Schulung von Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Handlungsplanung. „Es geht um das Training einer bestimmten Funktion, die man dem Frontalhirn zuschreibt. Diese Funktion heißt zu gut deutsch: ‚Jetzt nicht‘ (etwas jetzt nicht zu tun). Und dieses Spiel beinhaltet diese Verhaltensvorschrift, sodass derjenige, der zum Ziel kommen will, diese Funktion entweder bereits einsetzen kann, weil er sie hat oder sie trainieren muss, weil sie noch fehlt. Diese Funktion nennt sich ‚Non-Go‘-Funktion und ist das Gegenteil von ‚Ballern‘/‘Hau drauf‘“, erklärt Dr. Helmut Bonney. Darüber hinaus erscheinen im Spiel hin und wieder Plagegeister der etwas anderen Art, die motivierend auf den Spieler einwirken, damit es zu keinem Spielabbruch kommt. Diese Gefahr droht schnell, wenn etwas nicht so optimal läuft.

Die Besonderheit

Das Besondere an dem Spielprinzip beschreibt Dr. Bonney folgendermaßen: „Derjenige, der mit den geringsten Aktivitäten durch so ein Level kommt, erhält die höchste Bewertung.“ Das verdeutlicht wiederum, dass es in dem Spiel nicht darum geht, in irgendeiner Form durch das Level zu hüpfen, sondern nur das Nötigste zu tun, um das Level zu bestehen. Es ist  zum Trainieren der anfänglich schwachen Frustrationstoleranz gedacht, darum auch der Titel ‚Handlungsplanung und Impulskontrolle für wahrnehmungsintensive und handlungsbereite Kinder.

Die Technik

Bei Therapiespielen gilt zunächst der Grundsatz: „Weniger ist mehr“, da der größte Fehler wäre, ein Produkt zu entwickeln, welches zu einer Reizüberflutung führen könnte. Dies sieht man auch an der Grafik. Das Spiel ist schön und kindergerecht gezeichnet, weist aber einige Schwächen auf dem Gebiet der Animationen auf. Da aber alles im Zeichentrick-Stil gehalten wurde, ist das ein zu vernachlässigender Kritikpunkt. Die Musik selbst ist auf die jeweiligen Level abgestimmt, wobei sie auf längere Sicht nicht sehr abwechslungsreich ist. Die Steuerung des Spiels ist sehr einfach und daher auch ideal für Kinder ohne Computer-Erfahrung. Aufgrund seiner effektiven Programmierung läuft es auch auf älteren Computern und auf Apple-Computern.

Spiel-Versionen

Da das Spiel zu Therapiezwecken eingesetzt wird, ist es in zwei Versionen auf dem Markt erhältlich. Zum einen gibt es eine Eltern-Version, die als Ergänzung der Therapie für Zuhause entstanden ist und zum anderen eine Praxis-Version. „Die Aufgaben sind dieselben, aber bei der Praxis-Version ist ein ganz ausgeklügeltes Messinstrument integriert, d.h. also, dass nach jedem Level festzulegen ist, wie die Leistung gemessen an einer optimalen Leistung aussieht bzw. wie sich der Lernfortschritt abbildet. Insofern hat der Therapeut eine Erfolgskontrolle, die sich nicht nur auf den persönlichen Eindruck beschränkt. Bei der Eltern-Version erfolgt eine Rückmeldung über den Aktionismus. Derjenige, der mit den geringsten Aktivitäten durch so ein Level kommt, erhält die höchste Bewertung“, so Dr. Bonney . In beiden Versionen ist aber eine „Elternuhr“ enthalten, die zur Reglementierung der Spielzeit genutzt werden kann. Bei der Eltern-Version sollten Bewegungsassistenten oder ein Elternteil begleitend anwesend sein,  „um von außen die überflüssigen Bewegungen bzw. überschüssigen motorischen Aktivitäten zu dirigieren.“

Fazit

Da das Spiel vor einem Therapiehintergrund produziert wurde, sollen natürlich nicht die üblichen Maßstäbe zur Bewertung der Produkte einfließen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Spielen steht hier der therapeutische Ansatz im Mittelpunkt. Aufgrund seiner durchdachten Charaktere kann das Spiel seine Zielgruppe begeistern und gleichzeitig der Behandlung dienlich sein.

Klaus-Peter Vollbrecht

Bildquellen:
© eyezoom1000 – Fotolia.com 
© www.zappelix.de (Screenshots)

Portraitfoto zur Verf. gestellt ⅴ. Dr. med. Helmut Bonney

Ähnliche Beiträge

Kommentare