Computerspiele – der Niedergang des Abendlandes?

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29. Juni 2011 Print This Post

Alexander Geltenpoth ist Redaktionsleiter des Videospielmagazins buffed und bereits seit über 20 Jahren als Journalist auf das Thema Computerspiele spezialisiert. medienbewusst.de sprach mit ihm über das derzeitige Ansehen von virtuellen Spielen in Deutschland, den Sinn von Preisverleihungen und die Möglichkeiten, die Eltern haben, ihre Kinder vor ungeeigneten Spielen zu schützen.

Herr Geltenpoth, wie sind sie Redakteur bei „buffed“ geworden? Braucht es da heute ein besonderes Anforderungsprofil, das erfüllt werden sollte?

Ich selber bin als Freelancer in das Geschäft eingestiegen, da mein Stiefvater der damalige Geschäftsführer beim Gong Verlag war. Gong war der Verlag bei dem die ersten kompetenten Magazine für Computerspiele erschienen sind.

Wenn man als Redakteur tätig sein will, ist wohl das Wichtigste firm zu sein in der deutschen Sprache und Schrift. Als Nächstes natürlich gute Englischkenntnisse, die zwangsläufig erforderlich sind und dann noch gewisse Kenntnisse im Umgang mit dem PC, damit man die Sachen sozusagen auch „auf Papier bringen kann“. Außerdem muss man natürlich noch volljährig sein, zumindest bei uns von Computec. Der Arbeitgeber muss nämlich darauf achten, dass er keine jugendgefährdenden Inhalte zur Verfügung stellt. Und wenn wir einen Praktikanten oder Volontär hätten, der noch nicht volljährig ist, dürfte der keine Spiele testen, die keine USK-Freigabe haben und das durchzusetzen wäre unglaublich kompliziert.

Sie sprachen gerade von Spielen ohne Jugendfreigabe. In der Öffentlichkeit tun sich auch heute noch besonders gewalthaltige Spiele schwer, Anerkennung als „wichtiges Kulturgut“ zu finden. Wie sehen Sie das?

Es handelt sich hierbei um ein relativ neues Medium und wie es bei neuen Medien immer so ist, dauert es eine Zeit lang, bis sie gesellschaftlich akzeptiert werden. Das war vor 2000 Jahren mit dem Theater so, bei dem Erscheinen der ersten Bücher und dann als das Fernsehen aufkam. Nun sind eben die Videospiele dran. Es wird jetzt wahrscheinlich nochmal zehn bis zwanzig Jahre dauern, bis Videospiele auch vom Gesetzgeber als Kunst bewertet werden. Das ist schon witzig: wenn man ein Bild malt, ein Musikstück entwirft oder ein tolles Brettspiel entwickelt, dann ist man ein Künstler. Macht man aber all das zusammen in einem Videospiel, ist man kein Künstler, sondern nur noch Produzent eines kommerziellen Produktes.

Würden Sie die Meinung teilen, dass Spiele heute brutaler sind als vor zehn Jahren?

Ich glaube nicht, dass in heutigen Spielen Gewaltaktionen häufiger auftreten als früher. Nur ist heute einfach die Darstellung realistischer und an diesem Realismus stören sich viele. Bei Filmen ist das ähnlich. Aber wenn ein Film erscheint, der besonders brutal ist und explizite Gewaltszenen zeigt, regen sich die Leute darüber nicht mehr auf, sondern tun es einfach als „kulturell nicht anspruchsvoll“ ab. Bei Spielen wird dann aber immer gleich der „Niedergang des Abendlandes“ zitiert und die „Verrohung der Jugend“ oder irgend so ein Blödsinn, obwohl solche Spiele Jugendlichen eigentlich gar nicht zugänglich sein dürften.

Bei der diesjährigen Vergabe des Deutschen Computerspielpreises wurde die Auszeichnung des besten internationalen Spiels ausgegliedert und auf die Preisverleihung der LARA-Awards übertragen. Ein politischer Winkelzug, um kein gewaltverherrlichendes Spiel auszeichnen zu müssen?

Das ist ein ganz schwieriger Punkt. Eigentlich müsste man bei so einer Preisverleihung entweder das technisch beste Spiel bewerten oder das beste Gesamtkonzept. Aber eine Preisverleihung ist auch immer eine Juryentscheidung, das bedeutet, es wird dann immer argumentiert: „Wir nehmen gewisse Titel gar nicht rein, weil sie keinen kulturellen Anspruch haben“. Das ist deren Entscheidung, aber dann dürfen sie sich natürlich nachher nicht wundern, wenn die Relevanz einer solchen Preisverleihung nicht besonders hoch ausschlägt. Ich glaube nicht, dass diese Preisverleihung der Weisheit letzter Schluss ist.

Zuletzt würde ich noch gerne von Ihnen wissen, was Sie Eltern mit auf den Weg geben würden, die keinen Überblick darüber haben, was ihre Kinder spielen.

Eltern sollten natürlich immer ein Auge darauf haben, was ihre Sprösslinge machen. Wenn sie nicht selbst in der Lage sind das zu überprüfen, dann kann man sich schon an diese Regelung der USK halten, die da eine gute Richtschnur anlegen. Für sinnvoller halte ich es persönlich, wenn Eltern sich auch mal mit den Spielen befassen, die ihre Kinder spielen. Die vielleicht sogar mal selbst spielen oder zumindest zuschauen und dann sehr differenziert sagen „das darfst du spielen“ – „das darfst du nicht spielen“. Sich allein auf die USK zu verlassen, halte ich auch deswegen für gefährlicher, weil da keine zeitliche Beschränkung dabei ist. Also es ist sicherlich nicht sinnvoll, wenn dann Kindern erlaubt wird jeden Tag vier oder fünf Stunden zu spielen. Sie sollten auch mal rausgehen und Sport machen.

medienbewusst.de bedankt sich bei Alexander Geltenpoth für das Interview und wünscht weiterhin viel Erfolg.

Michael Haring

Bildquellen:
Porträtfoto zur Verf. gestellt ⅴ. Alexander Geltenpoth
© flickr.com – Pol Malacara

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