Spieletesterin Viola Tensil über die Kriterien von guten Computerspielen

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16. Juni 2012 Print This Post

Viola Tensil, Moderatorin und Redakteurin, ging mit 8 Jahren nach Indonesien und kam dort auf den Geschmack von Computerspielen. Seit dem Jahr 2008 ist sie selbstständig und schreibt Produktkritiken für zahlreiche Portale wie www.spielfalt.de, eine Info-Website für Eltern. Denn sie weiß aus Erfahrung, dass Computerspiele nicht nur etwas für Erwachsene sind, sondern auch für Kinder. Deshalb ist eine gute Aufklärung wichtig. medienbewusst.de hat mir ihr über die Kriterien für ein gutes Computerspiel gesprochen.

Was ist Ihr persönlicher Eindruck, wie stehen die Deutschen Computerspielen gegenüber?

Die Skepsis der Eltern gegenüber Computerspielen sinkt, aber nicht so schnell wie es mir recht wäre. Mir begegnet es immer wieder, auch von Freunden, die einfach per se sagen: “Nein, ein Computer kommt uns nicht ins Haus“. Meiner Meinung nach, werden die Kinder später einen Nachteil haben, wenn sie nicht medial geschult sind – spätestens im Erwachsenenleben.

    Spieletesterin Viola Tensil

Sie geben bei spielefalt.de Empfehlungen zu den neuesten Computerspielen. Worauf legen Sie beim Testen von Spielen besonderen Wert? Gibt es bestimmte Kriterien, an denen Sie sich orientieren?

Wichtig ist natürlich die Beurteilung der USK in Punkto Gewaltdarstellung, Schimpfwörter oder Sexualsachen. Aber da verlass ich mich durchaus auf die USK. Für uns zählen zudem Punkte wie die Präsentation, also was das Kind auf dem Bildschirm sieht. Sind es irgendwelche langen Erklärtexte oder werden die Erklärungen stattdessen in das Spiel integriert, sodass der Lernprozess fließend ist. Dazu gehört außerdem, dass die Erzählweise kindgerecht ist und die Kinder somit den gesamten Handlungsstrang begreifen können und die Aufgabenstellung gut erklärt ist. Ganz toll bei Spielen finde ich es zum Beispiel, wenn es auch für mehrere Spieler tauglich ist, sodass die Kinder gemeinsam mit ihren Eltern spielen können.

 

Was sagen Sie zu den Preisen von Computerspielen, sind diese gerechtfertigt oder überteuert?

Im Großen und Ganzen finde ich die Preise in Ordnung. Ein Kinobesuch kostet auch 13 Euro und endet bereits nach 140 Minuten. Wohingegen, wenn ich mir ein Computerspiel für 30 bis 40 Euro kaufe und dann 50 bis 100 Stunden etwas davon habe, dann finde ich das ein ganz tolles Preis‑/Leistungsverhältnis. Dabei müssen wir auch bedenken, dass so ein Spiel zum Teil über Jahre hinweg entwickelt wird, und wie viele Abteilungen damit beschäftigt sind. Außerdem ist der Preisverfall unheimlich schnell, nach zwei bis drei Monaten kostet das Spiel nur noch die Hälfte. Und ein Tipp für Eltern: viele Stadtbibliotheken sind erstaunlich gut ausgestattet, was Spiele für Kinder angeht.

Wohin wird Ihrer Meinung nach die Entwicklung der Computerspiele gehen?

Ich glaube, dass jetzt im Moment eine Stagnation eintritt, zumindest was die Technik angeht. Denn vieles, wie die Bewegungs‑ oder Sprachsteuerung und 3D-Effekte, muss innerhalb der Spiele erst einmal verbessert werden. Dadurch kümmern sich die Entwickler jetzt wieder mehr um das Emotionale im Spiel, um eine tolle Geschichte zu vermitteln oder den User zu überraschen. Ich finde es spannend, wenn die Kreativen etwas Neues entwickeln.

Wie sollen Eltern reagieren, wenn Ihre Kinder gerne Computerspielen? Welche Regeln sollten aufgestellt werden?

Wichtig ist, dass die Eltern mitspielen und sich aktiv damit beschäftigen, was die Kinder spielen. Eltern sollten sich schlau machen und darauf achten, ab wie viel Jahren das Spiel freigegeben wurde. Außerdem ist die Dosierung wichtig. Ein guter Tipp ist es, dem Kind ein Zeitkonto einzurichten, das es selbst verwalten kann. Es bekommt also zum Beispiel zwei Stunden die Woche für Fernsehen und Computerspielen und kann sich diese Zeit selbst einteilen. Nur so lernt das Kind, nicht nur die Ansagen der Eltern ernst zu nehmen, sondern auch selbst ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie viel so eine „Spielzeit“ wert ist.

Viele Studien sprechen sich für, andere wiederum gegen Computerspiele aus. Wie sehen Sie das, ab wann kann Computerspielen gefährlich werden?

Grundsätzlich glaube ich, dass die Medien uns emotional beeinflussen. Wenn ich zum Beispiel einen besonders traurigen Film schaue, dann berührt mich das und ich bin danach nicht super gelaunt. Viele Spiele verursachen sicherlich den gleichen Effekt. Dennoch macht ein Spiel allein niemanden aggressiv, da spielen andere Faktoren mit rein – wie das soziale Umfeld oder Probleme. Auch das Suchtpotenzial ist immer ein Thema. Studien haben gezeigt: Wer sich in die virtuelle Welt flüchtet, hat Probleme in der Realität. Insbesondere Online-Rollenspiele bieten ein perfektes Pflaster dafür, weil man sich stundenlang darin verlieren kann und die Bestätigung bekommt, die man in der Realität vermisst. Aber daran ist nicht das Spiel schuld. Jemand muss natürlich ein Auge darauf haben. Die Kinder müssen lernen, dass irgendwann mal Schluss ist. Sie lernen schließlich auch, nicht unendlich Süßigkeiten in sich hineinzustopfen.

Ein letzter Tipp von Ihnen an die Eltern?

Spielen macht in erster Linie Spaß, egal ob mit Eisenbahn oder Computer. Grundsätzlich empfehle ich Offenheit statt Skepsis und Vertrauen in die Kinder statt Misstrauen. Und wenn Kinder und Eltern da zusammenarbeiten und über Spiele reden, dann kann eigentlich auch nichts schief gehen.

 

medienbewusst.de bedankt sich bei Viola Tensil für das Interview und wünscht weiterhin viel Erfolg.

Janina Seit

Bildquelle:
© flickr – Mark Maas
© spielfalt.de

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