Computerspielen pädagogisch auf den Zahn gefühlt

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3. Februar 2014 Print This Post

Torben Kohring ist der Leiter des Projekts „Spieleratgeber NRW“. Er hat an der Universität Köln Pädagogik studiert. Für medienbewusst hat er sich Zeit genommen, um den pädagogischen Ratgeber vorzustellen.

Danke, dass sie sich Zeit genommen haben für unser Interview. Fangen wir direkt mit den Fragen an. Wie sind sie auf die Idee gekommen einen pädagogischen Ratgeber für Computerspiele ins Leben zu rufen? Welche Intentionen stehen dahinter?

Das ganze war nicht meine Idee, sondern ist entstanden aus der Ratgeberbroschüre Spiel‑ und Lernsoftware pädagogisch beurteilt. Einem Projekt der Fachstelle für Medienpädagogik/Jugendmedienschutz der Stadt. Das Projekt Spieleratgeber-NRW entstand 2004 als man feststellte, dass die Menge an Computerspieltiteln immer mehr zunahm. Es gab jedoch fast keine Möglichkeiten für Eltern sich vernünftig über neue Titel zu informieren. Die USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) war in ihrer jetzigen Form noch recht neu und bietet zudem keine pädagogischen Einschätzung, sondern lediglich eine gesetzliche Alterseinstufung. Die Eltern hatten somit keine Möglichkeit etwas speziell pädagogisches zu Computerspielen zu finden.

Was für Leute arbeiten genau an dem Projekt?

Das Besondere bei uns ist, dass Kinder und Jugendliche am Projekt mitarbeiten. Unser Projekt ist also keine reine Einschätzung von Fachleuten. Durch das Projekt konnten wir langfristige Strukturen z.B. in Form einer Jugendredaktion in einer Jugendeinrichtung oder Bibliothek fördern. Das Besondere ist, dass wir mit den Kindern und Jugendlichen gemeinsam spielen, diskutieren und damit unsere Kriterien ausarbeiten und weiterentwickeln können. Das Bedürfnis der Kinder nach Angeboten zu Computerspielen war zu Beginn des Projekts sehr hoch und sie haben deshalb unsere Angebote in den Jugendeinrichtungen besucht. Damals konnten wir sie deshalb medienpädagogisch gut erreichen, das ist heutzutage in Zeiten technischer Vollausstattung zu Hause deutlich schwieriger geworden.

Welche Merkmale und Eigenschaften müssen Spiele aufweisen um pädagogisch wertvoll zu sein?

Unser Ratgeber bewertet die Spiele nicht direkt nach pädagogisch wertvollen Inhalten. Es lässt sich höchstens sagen, dass wir pädagogisch wichtige Inhalte versuchen hervorheben. Es geht ja auch grundsätzlich nicht darum, nur die guten Spiele zu finden. Unsere Arbeitsweise ist zudem als sehr subjektiv anzusehen, denn die Sichtweise von Eltern und Kindern auf ein und den gleichen Titel unterscheidet sich erfahrungsgemäß sehr oft. Dazu gibt es viele Titel, die in der täglichen Arbeit mit Kindern, unter gewissen Rahmenbedingungen von Pädagogen sehr wertvoll eingesetzt werden können, es aber beim alleinigen Spiel vielleicht nicht sind.

Kohring_Spieleratgeber

Torben Kohring, Leiter des Projektes „Spieleratgeber NRW“

Die Eltern haben typische Fragen. Ab welchem Alter ist das Spiel geeignet? Wie sieht es mit Gewaltinhalten aus? Wie lang kann mein Kind bedenkenlos spielen? Neuerdings gibt es auch viele Fragen zum Verbraucherschutz, da es häufig versteckte Kosten in angeblich kostenlosen Online-Games gibt. Pädagogen interessiert dagegen eher, welchen Mehrwert ein Spiel haben kann. Wie könnte es in Schulen oder Jugendeinrichtungen sinnvoll eingesetzt werden. Wenn die Pädagogen sich erst einmal für das Thema Computerspiele öffnen können, gibt es viele interessante Möglichkeiten und neue Wege diese auch einzusetzen.

Welches Potenzial steckt noch in dem Ratgeber?

Das Thema Computerspiele hat in den letzten Jahren merklich und glücklicherweise an Brisanz verloren. Amokläufer sorgten in den Jahren 2004 bis 2010 für hitzige Debatten um Ego-Shooter. Das Spiel World of Warcraft übte auf Spieler eine Faszinationskraft aus und sorgte dadurch für lange Spielzeiten, wie noch kein Spiel zuvor. Es wurde jedoch über die Jahre eine breite Masse an Informationen zur Verfügung gestellt, die nun ihre Früchte tragen. Viele Internetseiten, Foren und Elternabende sorgen für eine breite Aufklärung von Kindern und Erwachsenen. In Zukunft geht es darum neue Aspekte zu beleuchten und Eltern darauf aufmerksam zu machen. Aktuell zeichnet sich durch die Smartphones ein neuer Trend zum mobilen Spielen ab. Sie werden immer leistungsfähiger und sind heute schon fähig komplexe und grafisch beeindruckende Spiele darzustellen. Das wird sich in Zukunft noch deutlich verbessern.

Ist ihrer Meinung nach jemals ein Ende der Aufklärung in Sicht?

Ich glaube nicht, dass so schnell ein Ende in Sicht ist. Wir befinden uns in einem sehr rasanten Zeitalter des digitalen Umbruches. Smartphones sind jetzt gerade fünf Jahre alt und haben das alltägliche Leben so sehr umgewälzt, wie es nur wenige technische Geräte vorher getan haben. Jugendliche können mittlerweile überall spielen, im Internet surfen, sich mit anderen vernetzen und auf neue Arten kommunizieren. Das Medienverhalten der Jugendlichen verändert sich zudem ständig und es gibt immer neue Facetten wenn ich mir z.B. das Phänomen „Let’s Play“ anschaue. Dort finden Medienrezensionen und sogar eigene Produktionstechniken statt ohne, dass ein Erwachsener auffordert oder den Jugendlichen Vorgaben macht. Es entstehen ganz neue Unterhaltungsformate, die täglich Tausende Jugendliche erreichen.

Danke für ihre Zeit.

Jan Kloft

Bildquelle:
© Spieleratgeber-nrw.de

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