In einem Land vor unserer Zeit – Kinderfernsehen in der DDR

21. Juni 2011 Print This Post

„Früher war alles besser“, lautet scheinbar der allgemeine Tenor, wenn man heute so manchem Rentner der neuen Bundesländer zuhört. Ein sozialistisches Arbeitsparadies, Wohnungsmieten, die nicht teurer als 50 Ostmark waren und an der nächsten Ecke gab es Brot für fünf Pfennig zu kaufen. Ja, die DDR tat viel um die Diktatur so angenehm wie möglich zu gestalten. Vor allem für die jungen Pioniere, die das Erbe der DDR antreten sollten. Ein Bereich in dem das Kulturelle keineswegs zu kurz kam, war daher das politisch instrumentalisierte Kinderfernsehen. Anlässlich des 50. Jahrestages des Mauerbaus wirft medienbewusst.de nun einen Blick zurück.

Angefangen hatte alles 1954. Fester Bestandteil des Programmangebots im DDR-Fernsehen wurde das Kinderfernsehen durch die Errichtung einer eigens angelegten Redaktion. Produziert wurde primär für zwei Zielgruppen: für Kinder bis einschließlich neun Jahren und die zehn‑ bis 13-Jährigen. Nach einem Programm, das zunächst nur sonntags lief, gab es zwei Jahre später bereits fünf Sendetage in der Woche, die sich mit der Unterhaltung für Kinder befassten.

Ein erstes Highlight im Fernsehprogramm stellte ab 1956 die Sendung „Meister Nadelöhr erzählt Märchen“ (Bild) dar – später umbenannt in „Zu Besuch im Märchenland“. Dargestellt wurde die Figur des Märchenerzählers hierbei von meist bekannten DDR-Schauspielern, wie Eckart Friedrichson, der die Rolle von 1955 bis 1976 besetzte. In seiner Sendung unterhielt er vor allem mit gesungenen Liedern und kurzen Filmen, ehe er 1976 aufgrund eines Herzinfarktes frühzeitig verstarb.

Die politische Orientierung, die durch das Kinderfernsehen mitgegeben werden sollte, zeigte sich im Besonderen am Beispiel des kleinen Kobolds „Pittiplatsch“. Seit 1962 in den ostdeutschen Kinderstuben zu Hause, gewann der kleine Kobold durch freche Sprüche und Kommentare schnell die Herzen seiner Zuschauer.

Weil die Prämisse des DDR-Regimes aber auf die „Herausbildung moralisch-sittlicher Verhaltensweisen und Wertvorstellungen gerichtet“ war, wie Autor Hans Jürgen Stock in seinem Buch beschreibt, und diese durch den Kobold scheinbar nicht gewährleistet werden konnten, wurde die beliebte Serie vorerst aus dem Programm entfernt. Nachdem sich aber eine Protestwelle von wütenden Eltern und Kindern erzürnte, die gegen die Absetzung protestierten, wurde Pittiplatsch ab Weihnachten 1962 wieder in das Programm aufgenommen – wenn von nun an auch streng zensiert.

Eine Sendung, die von Anfang an, Groß und Klein, Parteibonze oder Arbeiter zu begeistern wusste, drehte sich um DIE Kultfigur der DDR: den Sandmann. Am 22. November 1959 trat die kleine Puppe erstmals in der Sendung „Abendgruß“ auf, einer Kindersendung, die ein Jahr zuvor ins Programm gekommen war. Die Realisierung der Sandmann-Figur entstand innerhalb weniger Wochen im Herbst 1959, weil die Fernsehmacher dem Westberliner Fernsehsender SFB zuvorkommen wollten, nachdem sie von einem ähnlichen Vorhaben des sogenannten „Klassenfeindes“ gehört hatten. Der Sandmann bildete die Rahmenhandlung des „Abendgruß“. Zwischen Einleitung und Verabschiedung wurden – neben dem Verstreuen des Traumsandes – Geschichten erzählt.

Was Ideenreichtum und Programmideen für die Kleinsten anging, war das DDR-Fernsehen nachweislich eines der geachtetsten „Produzenten“ für Kinderunterhaltung, bestätigt auch Reinhold Viehoff, deutscher Literatur-und Medienwissenschaftler der Universität Halle, in einem Bericht des MDR: „Hier hatte die DDR ein Niveau erreicht, das sich an Weltstandards messen lassen konnte, ähnlich wie in der Kinderliteratur“.

Dieter Wiedemann, deutscher Medienwissenschaftler und Medienpädagoge geht sogar noch einen Schritt weiter und erklärt in seinem Buch „Kinderfernsehen zwischen Fantasie und Pädagogik“: „Das Kinderfernsehen hat über mehr als zwei Jahrzehnte eine erfolgreiche und zum Teil international beispielgebende Arbeit geleistet. Die meisten Kindersendungen erzielten eine gute Zuschauerresonanz und zeichneten sich durch hohe politisch-ideologische, pädagogische und gestalterische Qualität aus. Lange Zeit besaß unser Kinderfernsehen auch einen echten Vorsprung gegenüber den Kindersendungen des BRD-Fernsehens. Dies betraf vor allem viele der populären Kinderfiguren und die Kinderdramatik“.

Qualitativ hochwertig waren aber auch die Märchenfilme, die seit den 70er-Jahren produziert wurden, in denen ebenfalls vor allem bekannte Schauspieler die Hauptrollen übernahmen (u.a.: Rolf Hoppe oder auch Katharina Thalbach). Die Zielsetzungen, die die DDR mit diesen Sendungen verfolgte, waren vielseitig und doch meist ideologisch motiviert. Zum einen sollten die Kinder positive Einstellungen zum Sozialismus entwickeln, zum anderen sollten sie dieses Gefühle und Überzeugungen zur Stärkung des Staates einsetzen und in dessen Sinne handeln.

Insgesamt gesehen, konnte man der DDR in kultureller Hinsicht also doch viel Gutes abgewinnen. Die große Vielfalt, ob Märchen oder Kindersendung, als auch der qualitative Anspruch des Ostfernsehens, wenn auch politisch-ideologisch instrumentalisiert, waren für damalige Verhältnisse maßgebend. Nicht zuletzt deshalb, sind viele Kindersendungen von früher, heute wohl so beliebt wie eh und je. Denn auch, wenn die DDR längst politische Geschichte ist, so sind doch die meisten froh, dass wir uns noch heute mit den sanften Klängen des Sandmanns an ein Land vor unserer Zeit erinnern können.

Denny Neidhardt

Bildquellen:
© flickr.com – guu5555555

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