DSDS Kids – Quotenkampf um jeden Preis?

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4. Mai 2012 Print This Post

Der Bewerberansturm von knapp 40.000 Kids in dem Alter von 4–14 Jahren für das neue „DSDS Kids“ dürfte selbst für RTL eine Überraschung gewesen sein. Bedeutet dies doch immerhin ein sattes Bewerberplus von ca. 5.000 im Vergleich zu der vor kurzem geendeten neunten Staffel des herkömmlichen „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS). Jedoch bleibt eine Frage: Handelt es sich bei „DSDS Kids“ um eine echte Chance oder vielmehr um eine Gefahr für unsere Kinder? medienbewusst.de hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht.

„DSDS“ kann an alte Erfolge nicht mehr anknüpfen. Waren es 2003 für RTL noch traumhafte Zustände, als Alexander Klaws bei seinem Gewinn der ersten Staffel fulminante 12,8 Millionen Zuschauer erreichte, befindet sich der Privatsender mittlerweile nur noch im grauen Quoten-Mittelmaß. Das Staffelfinale letzte Woche mit dem Gesamtsieger Luca Hänni erzielte eine ernüchternde Quote von 4,71 Millionen Zuschauern. Das schlechteste Finalresultat aller Zeiten! Auch die vorherigen Folgen konnten die fünf Millionen-Marke nicht mehr knacken. Doch wie reagiert das erfolgsverwöhnte RTL auf die enttäuschenden Zahlen seines einstigen Erfolgsgaranten? Eines kristallisiert sich heraus: Ursachenforschung sieht anders aus.

Auf dem deutschen Markt ist DSDS gewissermaßen die Mutter aller Castingshows, doch zunehmend machen Konkurrenzsendungen – sowohl quantitativ als auch qualitativ – ihr das Leben schwer. Sicherlich darf der quantitative Aspekt im Jahr 2012 nicht außer Acht gelassen werden. Nie hat es zeitgleich so viele Castingsendungen im deutschen Fernsehen gegeben: Musikalische Talente werden nicht nur bei DSDS, sondern auch bei The Voice of Germany (ProSiebenSat.1), The Winner is… (Sat.1), Popstars 2012 (ProSieben) und My Name Is (RTL Ⅱ) gesucht, unentdeckte Laufstegschönheiten bei Germanys next Topmodel (ProSieben) und Das perfekte Model (Vox). Und wer sich diesen Kategorien nicht zuordnen lässt, versucht sein Glück bei Das Supertalent (RTL).

Unter Qualitätsgesichtspunkten stellt sich die Frage, ob die Zuschauer mittlerweile nicht hochwertigere Castingshows wie „The Voice of Germany“ von ProSiebenSat.1 bevorzugen. Oder sind den Zuschauern die unverschämt radikalen Verbalangriffe der Jury um Dieter Bohlen gegenüber den allzu oft untalentierten Kandidaten einfach zuwider? Kurzum: Will der abgestumpfte Zuschauer vielleicht gute Musik von talentierten Künstlern genießen, anstatt sich für die peinlichen Performances von weniger talentierten Gestalten fremdzuschämen? Viele offene Fragen, denen sich RTL früher oder später stellen muss. Aber vorerst hat man sich in Köln für einen anderen Weg entschieden: Ein Heuschrecken-Schwarm zieht weiter, sobald die Felder leer gefressen sind und ein Fischer fährt zu neuen Orten, sobald die herkömmlichen Fischgründe leer gefischt sind – RTL tut es ihnen gleich: Gleiches Format mit neuer Zielgruppe. Sie wälzen ihr bestehendes DSDS-Format einfach auf die neue Zielgruppe „Kinder“ ab, mit der vagen Hoffnung, das sich die Probleme in Luft oder wohl eher in Chartplatzierungen und Einschaltquoten auflösen.

Laut RTL sei das neue „DSDS Kids“ keine Castingsendung per se, vielmehr seien es vier Primetime-Shows. Dabei sind die ersten drei Sendungen Semi-Finals mit jeweils zehn Kindern und einer abschließenden Final-Show mit wiederum zehn, vom Publikum ausgewählten, Kandidaten. Im Gegensatz zum klassischen DSDS werden hier bereits im Vorfeld der Show die dreißig vielversprechendsten Talente für die Live-Shows aus dem riesigen Bewerberpool gefiltert. Die Vor-Castings werden hierbei nicht übertragen. Der letztliche Gewinner wird von RTL mit einem Ausbildungsstipendium ausgestattet, zudem winkt ein Preisgeld für die eigene Schule.

RTL betont zwar auf seiner Website, dass alle Kinder auch Gewinner sein werden, da die Sendung viel Spaß bringen wird und sie ihrem Traum von einer Musikkarriere einen großen Schritt näher kommen. Aber kann RTL das wirklich versprechen? Kinder‑ und Jugendschützer sind alarmiert und fürchten die Gefahren, die RTLs neue Idee birgt. Schafft es Dieter Bohlen seine herablassende und aggressive Art gegenüber den Kindern zu bändigen? Trotz RTL-Versprechen ist dies zumindest zweifelhaft. Die Folgen einer schlechten Beurteilung wären für die Kinder im sozialen Umfeld und für ihre spätere Entwicklung fatal. Denn als wären die Belastungen für ein Kind durch einen derartigen Live-Auftritt vor einem Millionenpublikum nicht bereits groß genug, sollte sich wenigsten die Jury zurücknehmen und sich nicht auf Kosten der Kinder profilieren. Die Jury wird sich in der Kunst beweisen müssen, auch bei einem schlechten Auftritt, die richtigen und wertschätzenden Worte zu finden.

Letztendlich bleibt es abzuwarten, ob „DSDS Kids“ den Anforderungen der Öffentlichkeit und insbesondere der Eltern gerecht wird. Klar ist, dass vor allem für Eltern viele Fragezeichen bleiben. Sie müssen sich fragen: Ist mein Kind talentiert, nur weil es niedlich in eine Haarbürste trällern kann? Ist es förderlich, mein Kind in den Medienfokus zu stellen? Wie geht ein erst vierjähriges Kind mit einem solchen Druck um?

medienbewusst.de wird sich die Sendung sehr genau anschauen und in den nächsten Wochen einen entsprechenden Kommentar dazu veröffentlichen.

Leon Strohmaier

Bildquelle:
© RTL/Stephan Gregorowius

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