Erfolgsstory: Die geilste WG Deutschlands in „Berlin – Tag & Nacht“

Artikel weiterempfehlen

Um Artikel über soziale Netzwerke weiterzuverbreiten, müssen Sie diese aktivieren - für mehr Datenschutz.

26. Juni 2012 Print This Post

„Big Brother“ war gestern. Hauptstadtleben, tobende Frauen vor Eifersüchteleien, Sex mit den Mitbewohnern, Partyeskapaden, Zoff ums Putzen und all das bisher 120 Folgen lang. Das ist der neuste Quotenrenner von RTL Ⅱ im Vorabendprogramm. In der Reality-Doku-Soap „Berlin – Tag & Nacht“ stehen sieben junge Leute einer Wohngemeinschaft in Friedrichshain im Mittelpunkt der Zickenkriege und der Pöbeleien. Unter den Jugendlichen ist die Soap überaus beliebt, deswegen haben wir von medienbewusst.de den Überraschungserfolg von RTL Ⅱ hinterfragt.

Ole, Alina, Marcel und Co. durchleben in ihrer WG die Höhen und Tiefen des Zusammenlebens – Katastrophen und Turbulenzen in Sachen Liebe, Freundschaft und Job sind vorprogrammiert. Jede Folge endet auf dem Gipfel eines Konflikts, um die Spannung zusätzlich zu steigern. Die Probleme der einzelnen Protagonisten werden dabei dramatisch in Szene gesetzt, und auch vor maßloser Übertreibung zeigt RTL Ⅱ keine Scheu. Der Sinn von derartigen „scripted reality“ – Formaten ist es, dass die Geschehnisse vor der Kamera den Eindruck vermitteln sollen, dass es sich hierbei um reale Situationen handelt, in denen „normale“ Menschen und keine Schauspieler, von der Kamera begleitet werden. Der Handlungsstrang wird vorgegeben und die Aufgabe der Laienschauspieler ist es, das teilweise recht kuriose Drehbuch spontan und realistisch wiederzugeben. Aber obwohl die Sendung gewissermaßen ein Fake ist, erfreut sich das Format großer Beliebtheit unter den Teenagern und hat sogar „Big Brother 2012“ aus dem Vorabendprogramm verdrängt. Partyleben, Sexgeschichten und Intrigen kommen bei den Jugendlichen heutzutage gut an, denn die Erfolgsstory von „Berlin – Tag & Nacht“ ist nicht zu stoppen.

Ein Blick auf die Quoten zeigt, dass der Trend seit Monaten nur noch eine Richtung kennt: steil nach oben. Nach anfänglicher Schwäche und einem geringen Marktanteil von knapp 4,6 Prozent, liegt der Marktanteil mittlerweile im Schnitt bei 10,6 Prozent. Eine Verlängerung des Formats wurde bereits bestätigt.

Der unterwartete Erfolg resultiert nicht allein aus den hohen Einschaltquoten, sondern hauptsächlich aus der Online-Präsenz der Wohngemeinschaft. Über 1,8 Millionen Fans auf Facebook hat die selbsternannte geilste WG der Welt. Um die Teenager auch für das Leben der Berliner nach der 60-minütigen Sendung zu begeistern, werden ständig Videos oder Fotos gepostet und es besteht die Möglichkeit, direkt mit den Bewohnern in Kontakt zu treten. Das geschieht sowohl auf der Facebook-Seite der Serie als auch auf den jeweiligen Profilen der Hauptdarsteller selbst. Besonders auffällig dabei ist die starke Interaktivität mit den Fans und Zuschauern.

Auch auf der offiziellen Homepage werden nicht nur die Charaktere vorgestellt, Bilder veröffentlicht und die Episoden zusammengefasst, sondern man kann einen realen Einblick in die WG mit Hilfe eines virtuellen Rundgangs durch die Zimmer bekommen. Das Online-Konzept der „Realtainment“-Macher von RTL Ⅱ mit durchdachter Internetvermarktung geht auf und trifft damit den Zeitgeist der jungen Online-Generation, für die das World Wide Web der neue Fernseher ist. Den Jugendlichen wird im Netz exklusiver Inhalt der WG-Bewohner bereitgestellt, die die Zuschauer allein vor dem TV nicht zu Gesicht bekommen würden. Dadurch hat „Berlin – Tag & Nacht“ das Potenzial, nicht nur online mehr Anhänger zu gewinnen, sondern auch weiterhin seine Einschaltquoten zu steigern.

Allerdings bleibt der pädagogische Wert der Sendung fraglich. Die „Schauspieler“ reden zwar viel, haben aber eigentlich nichts zu sagen. Die Macher von „scripted reality“ bezeichnen das gerne als authentisch. „Ey geil, voll geil und cool ey, ey na und ohne scheiß“ sind häufig verwendete Phrasen. Die Geschehnisse in der Serie wirken fortwährend übertrieben und aufgesetzt. Unvorstellbare Tatsachen tauchen meist aus dem Nichts auf und bringen Turbulenzen in das WG-Leben, um die Story spannend zu halten und die Quoten in die Höhe zu treiben. Die Spannung wird dabei durch die Social Media-Kanäle weiter zugespitzt, damit die Fans am nächsten Abend wieder einschalten. Die oberflächliche Bewältigung von Konflikten und die dramatischen Verwicklungen können bei Jugendlichen ein verzerrtes Welt‑ und Menschenbild erzeugen, und so falsche Vorstellungen von Partnerschaft, Liebe und Freundschaft vermitteln. Für Kinder, egal welchen Alters, ist es auch schwer zu durchschauen, dass es sich hierbei nicht um reale Geschehnisse handelt, sondern alles nur eine Inszenierung ist, um die Menschen vor dem Fernseher zu unterhalten. „Berlin – Tag & Nacht“, ist eine Mischung aus „Big Brother“ (RTL Ⅱ) und Daily Soaps wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (RTL). Doch den Spagat zwischen Realität und Fiktion zu erkennen, ist für Kinder bzw. Teenager schwierig. Berlin – eine der schönsten Städte Europas, kulturell, kulinarisch, das Nachtleben, die Menschen und die Unterhaltung – doch mit dieser Sendung bekommen die Zuschauer ein falsches Bild vom Leben in unserer Hauptstadt.


Judith Neiber

Bildquellen:
© RTL Ⅱ

Ähnliche Beiträge

Kommentare