Das Handy als (Westentaschen‑)Lehrer?

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14. Dezember 2009 Print This Post

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Laut der JIM-Studie 2008 besitzen inzwischen 95 Prozent der Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren ein eigenes Handy. Woran das liegt? Die Antwort erschließt sich jedem sofort, betrachtet man das vielfältige Angebot rund um die mobilen Endgeräte. Dabei machen nicht nur Klingeltöne in hoher Klangqualität, moderne Spiele und Kamerafunktion die technischen Wunderwerke bei den Nutzern beliebt. Auch Didaktik und Wissenschaft entdecken zunehmend den Nutzen des Mobiltelefons.

Durch die fortlaufenden technischen Entwicklungen vereint das Handy als Universalwerkzeug Funktionen, für die vor einigen Jahren noch spezielle Einzelgeräte notwendig waren. Telefonieren, Nachrichtenübermittlung, Navigations‑ und Ortungsfunktion, Radio‑ und TV-Empfang – mit der Zeit wurde eine Verbindung zwischen orts‑ und zeitunabhängigen Erreichbarkeit und Entertainment geschaffen. Zusätzlich besteht aber auch das Interesse, moderne Medien in einen pädagogischen Kontext einzubinden, in dem sie das Lehren und Lernen erleichtern sollen. Im Zuge dessen wird der Einsatz mobile Endgeräte im Bildungsbereich bereits auf vielfältige Art und Weise diskutiert und erprobt.

Vereinen sich Eigenschaften mobiler Geräte wie dem Handy und das Anliegen an eine pädagogische Nutzung, so helfen Ansätze der Medienpädagogik, diese Verbindung zu realisieren. Genauer lassen sich dafür, beruhend auf „Pädagogische Aspekte der Mobilkommunikation“ von Professorin Dr. Nicola Döring, drei Anwendungsbereiche definieren: Medienkunde, Medienerziehung und Mediendidaktik.

Die Mediendidaktik setzt sich dabei dafür ein, institutionalisierte und informelle Lehr‑ und Lern-Prozesse für die Mobilkommunikation zu schaffen. Darunter zählen beispielsweise Mobile Learning (M-Learning), welches eine Erweiterung des electronic Learning darstellt, und M-Education. Darunter versteht man das Lernen und Lehren mit Hilfe mobiler Geräte. Die Vorteile dieser Bildungstechnologien bestehen darin, dass Lernende durch die Handhabung eines eigenen Gerätes sowohl aktiv als auch motiviert werden und sie flexibel und ortsunabhängig, individuell oder auch in Gruppen lernen können.

In der Initiative „taschenfunk“ stellten die Betreiber im schulischen Rahmen in MediaAGs das Potenzial des Multimedia-Gerätes unter Beweis. Auch die Berufliche Schule Uferstraße in Hamburg hat es bereits für sich entdeckt. Sie erhielt für den außerschulischen Einsatz lehrender Podcasts für Mobiltelefone den ECDL School Award 2008.

Dass es jedoch schwierig sein kann, mobile Lernanwendungen in Schulen zu etablieren, beschreibt Heike Ernst in „Mobiles Lernen in der Praxis. Handys als Lernmedium im Unterricht“. Im Mittelpunkt ihrer Überlegungen stand ein praktisches Lernszenario im Kontext der schulischen Bildung. Für die Begleitung des Englischunterrichts wurde ein Handyquiz entwickelt und Schülern zum Selbstlernen zur Verfügung gestellt. Nach ihren Untersuchungen nutzten jedoch nur sehr wenige Teilnehmer das Gerät zum Lernen und konnten es sich auch nur teilweise vorstellen – dies hängt damit zusammen, dass sie zum Zeitpunkt nur sehr selten zum „Mobile Learning“ eingesetzt werden.

Wenn sich der Einsatz des Lehr-Handys im Klassenzimmer nicht durchsetzen kann, dann vielleicht im privaten Umfeld? Durch verschiedene Anbieter sogenannter Lernprogramme ist es möglich, sein Wissen auf immer kleineren und leistungsfähigeren Geräten zu verbessern. Somit hat man den Lernstoff jederzeit in der Tasche griffbereit. Das deutsche Unternehmen „STUDYmobile“ stellt preislich erschwingliche, spezielle Bildungssoftware wie Lernprogramme oder Podcasts für javafähige Geräte zur mobilen Wissensvermittlung bereit.

Ein weiteres, jedoch kostenintensiveres Kernstück dieser Software ist das Autorentool, die Studymobile Factory. Mit dieser Applikation kann sich jeder sein eigenes Lernprogramm zusammenstellen und dabei den Stoff festlegen, der gelernt werden soll. Das Programm bietet dazu verschiedene Methoden an: Lernkarten‑, Multiple-Choice‑ oder einfache Frage-Antwort-Systeme. Besonders hilfreich ist die 3-Fächer-Lernbox, um das Gelernte täglich, wöchentlich und monatlich zu wiederholen und den Lerneffekt zu verstärken.

Die Mobilkommunikation bietet mit neuartigen Bildungstechnologien eine große Chance für die Mediendidaktik. Junge Leute können zum Lernen angeregt werden und gleichzeitig ihre Medienkompetenz fördern. Darüber hinaus werden Personen erreicht, die nicht an formalen Bildungsprozessen teilnehmen, da eine Nutzung in der Freizeit ermöglicht wird. Es zeigt sich also, dass in mobilen Geräten zahlreiche Möglichkeiten zur pädagogischen Nutzung bestehen.

Sei es ein Vokabeltrainer oder ein Test für die Führerscheinprüfung bis hin zu mathematischen Formeln oder Prüfungsstoff für das Abitur, der Kerngedanke hinter den mobilen Lernanwendungen ist erkennbar. Allerdings mangelt es scheinbar noch an der Akzeptanz der Verbraucher. Das hat zahlreiche Gründe. Neben den genannten Vorteilen der Lernprogramme sollte auch im Auge behalten werden, dass dieser Trend noch in den Kinderschuhen steckt. Die Kosten sind noch relativ hoch, die grafischen Benutzeroberflächen verbesserungswürdig. Zudem ist die Integration dieser interaktiven Applikationen in den Unterricht noch erweiterbar. Und auch wenn die Begeisterung für Handy-Lernprogramme wachsen mag, können sie keinesfalls die Wissensvermittlung durch Lehrbücher und Seminare ersetzen.

Annika Heselbarth

Quellen:
Döring, Nicola (2005): Pädagogische Aspekte der Massenkommunikation. In: J. Höflich, J. Gebhardt: Mobile Kommunikation. Perspektiven und Forschungsfelder. Frankfurt am Main, S. 89–99.
Ernst, Heike (2008). Mobiles Lernen in der Praxis: eine Studie zum Einsatz des Handys als Lernmedium im Unterricht. Verlag Werner Hülsbusch.
www.studymobile.de

Bildquelle:
Foto: Marius Lohmann

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