„Lernen findet nicht mehr ohne Medien statt“

29. November 2011 Print This Post

Neue Medien erfordern auch neue Lerntechniken. Doch wie lassen sich mobile Endgeräte sinnvoll in den Schul‑ und Lernalltag integrieren? Wir haben dazu Martin Hofmann gefragt, Dozent an der pädagogischen Hochschule in St. Gallen. Nebenbei ist er auch Betreiber des Weblogs mobile at school. Dort stellt Hofmann neueste Produktinnovationen vor, verarbeitet eigene Erfahrungen und übt Kritik.

Sie sind Dozent für Mediendidaktik und Medienpädagogik. Haben Sie sich schon immer mit dem Thema Medienpädagogik beschäftigt und was ist das Interessante dabei für Sie?

Ich bin ursprünglich Grundschullehrer und habe dann allgemeine Geschichte, deutsche Literatur und Informatik studiert. Acht Jahre habe ich am Gymnasium diese Fächer unterrichtet. Nun bin ich seit ebenfalls acht Jahren an der Pädagogischen Hochschule des Kantons St. Gallen zuständig für Mediendidaktik und Medienpädagogik und leite zudem das Kompetenzzentrum E-Learning im Studiengang Kindergarten und Primarschule. Wir bilden dort Kindergärtnerinnen und Grundschullehrpersonen aus.

Ich halte es für besonders wichtig sich mit Medienpädagogik zu beschäftigen, denn im Jahre 2011 findet lernen nicht mehr ohne Medien statt. Aus diesem Grund ist es mir ein großes Anliegen zukünftige Generationen medienkompetent zu machen, damit sie auch später in dieser Wissensgesellschaft, in die wir bereits hineingeboren werden, erfolgreich teilnehmen können. Mein innerer Antrieb ist es, Medienkompetenz zu vermitteln und zwar auf diversen Ebenen, insbesondere für Schüler. Damit diese dann später kompetent mit den Medien agieren können, um ihr eigenes Leben zu meistern.

Wie sieht es bei Ihren eigenen Kindern aus, achten Sie da besonders auf den Medienumgang?

Ich arbeite zu 60 % von zuhause aus, damit ich stärker bei meiner Familie sein kann. Außerdem mache ich auch medienbezogene Experimente mit meinen Kindern. Sie  sind sieben, neun, elf und dreizehn Jahre alt. Meine älteste Tochter wollte vor 5 Jahren unsere  Meerschweinchen fotografieren. Daraufhin wollten ihre  Geschwister natürlich auch Fotos machen. Also gab ich ihnen Handys von der Hochschule und zeigte ihnen, wie sie funktionierten. Unter anderem erklärte ich der Ältesten auch die Funktion der MMS. Es gefiel ihr so gut, dass ich ihr ein eigenes Handy zum 8. Geburtstag kaufte. Es verfügte über einen monatlichen Betrag von 10 Franken (etwa 8 Euro – Anm ⅾ. Red.) und besaß eine eingebaute Jugendschutzfunktion. Als Gegenleistung wollte ich sie im Umgang mit dem Handy beobachten. Es war sehr spannend, denn sie benutzte es für alles Mögliche. Doch sie blieb sehr sparsam bei der Anwendung. Ganz anders als meine zweitälteste Tochter. Sie hatte, nachdem sie auch ein eines erhalten hatte, immer nach etwa  einer Woche kein Geld mehr für ihr Handy.

Genau das finde ich spannend, zwei Mädchen aus dem gleichen Umfeld und doch so unterschiedlich in  ihrem Mediennutzungsverhalten.

Was sind für Sie die Vorteile und Nachteile bei dem Gebrauch der mobilen Endgeräte für Kinder?

Ich finde Handys sind mittlerweile wie kleine Computer für die Hosentasche und es ist eine spannende Angelegenheit den Kindern all diese verschiedenen Funktionen zu erlauben. Mobile Endgeräte werden immer mehr zum Herzstück unserer Aktivitäten, weil sie so vielfältig einsetzbar sind. Über das Handy sind wir immer erreichbar und können auf Internetdienste zurückgreifen. Wir bezahlen darüber und organisieren uns vermehrt über diesen Weg. Daher ist es wichtig, dass Kinder den Gebrauch von solchen Geräten frühzeitig erlernen. Sie müssen vermittelt bekommen, wie man ein  Gerät kompetent nutzt.

Aber der Einsatz von mobilen Endgeräten bringt auch Probleme mit sich. In der Schweiz haben 50–70 % der Schüler in einer 5. Klasse ein Handy. Dies führte zu Beginn häufig zu übermäßigen Konsum, denn die Geräte sind omnipräsent. Daher ist es wichtig, den Konsum von Zeit zu Zeit zu kontrollieren. In diesem Zusammenhang ist es notwendig, dass die Kinder bei ihrem Gebrauch von Erwachsenen begleitet werden und Instruktionen bekommen.

Martin Hofmann

Martin Hofmann

Was halten Sie von dem Vorhaben Handys in den regulären Schulunterricht mit einzubeziehen?

Es gibt hierzu einen spannenden Pilotversuch an der Primarschule in Goldau (Schweiz), bei dem jedem Kind einer 5. Klasse ein iPhone für das Lernen im Unterricht gegeben wurde.  Später durften die Kinder das Smartphone auch Zuhause für private Zwecke verwenden; wobei sich der Privatgebrauch bei den meisten SchülerInnen in Grenzen hielt. Die Schüler wurden wissenschaftlich bei diesem Forschungsprojekt begleitet. Es hat sich sehr schnell gezeigt, dass die mobilen Geräte von den Kindern kurzerhand mit Erfolg in den Lernalltag integriert wurden. Wenn Kinder erst einmal erfahren haben, wie sie bestimmte Funktionen bedienen können, nutzen sie die Geräte auch intuitiv, um ihr eigenes Lernen zu unterstützen

Aus welchen Gründen haben sie ihren Blog ins Leben gerufen?

Ich blogge seit fünf Jahren mit wechselhafter Intensität in zahlreichen Blogs. Der Grundgedanke einen Blog zum mobilen Lernen zu führen, ist das Wissen, welches mir in meinem Berufsalltag begegnet, zu verarbeiten und anderen Interessierten verfügbar zu machen. Das Blog MobileatSchool, wie auch meine anderen Blogs, ist also primär ein Tool für das persönliche Wissensmanagement.

Woher beschaffen Sie sich die Informationen über die neusten Innovationen oder Geschehnisse, welche Sie dann publizieren?

Ich habe mir in den letzten Jahren ein Netzwerk aufgebaut, indem ich 150 Blogs abonniert habe. Einige sind von Berufskollegen und andere von völlig fremden Personen. Manchmal lese ich auch Beiträge über Dinge, die nichts mit mobilen Medien zu tun haben, um meinen Blick offen zu halten. Häufig ist es auch so, dass ich erst auf meinen eigenen Blogs schaue, bevor ich andere Wissensquellen anzapfe. Die meisten Informationen beschaffe ich mir über Twitter oder Facebook. eine neuste Informationsquelle ist Scoop.it.

Wie entscheiden Sie, über was Sie schreiben wollen? Was ist besonders relevant für Sie?

Am Anfang habe ich alle möglichen News publiziert. Heute publiziere  ich vermehrt Beiträge, bei denen ich selbst mit involviert bin bzw. wo ich Lerninhalte in meinem Blog reflexiv verarbeite. Ein spezielles Konzept verfolge ich dabei nicht.  Am meisten stelle ich mir dabei die Frage, ob ich diese Informationen später noch einmal gebrauchen kann.

Arbeiten Sie zurzeit an einem Projekt oder ähnliches mit mobilen Endgeräten?

Ich arbeite zurzeit an einem iPad-Projekt. Dies ist ein Projekt, welches sich mit dem mobilen Lernen beschäftigt. Hinzu kommt, dass wir  von der pädagogischen Hochschule aus unter fachdidaktischer Perspektive bei der App-Entwicklung mitwirken und den Einsatz der neuen Apps in den Schulalltag begleiten. Wir wollen so herausfinden, wie Grundschulklassen damit umgehen.

Was raten Sie Eltern für ihre Kinder im Umgang mit mobilen Medien?

Kinder sollten bei der Nutzung von mobilen Endgeräten nicht alleine gelassen werden. Ganz wichtig ist für mich die Kinder beim Konsum zu begleiten. Eine Aufgabe der Eltern sollte es auch sein, Interesse für die Kinder und die Geräte zu zeigen. Sie sollten sich die Zeit nehmen, mit den Kindern zu diskutieren und all ihre Fragen zu beantworten.

Medienbewusst.de bedankt sich bei Herrn Hofmann für das Interview und wünscht Ihm noch viel Erfolg bei seinen weiteren Forschungen.

Anika Penn

Bildquelle:
© Blake Patterson – flickr.com
© Martin Hofmann

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