Mobile Endgeräte in Schulen: Lehrer müssen Kontrollverlust ertragen

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30. Juli 2012 Print This Post

„Wenn ich jetzt einen Computer benutzen will, muss ich immer vorab den Computerraum buchen.“ Andreas Kalt, Lehrer für Englisch, Biologie, Geografie sowie Naturwissenschaft und Technik, lehrt an einem Gymnasium in Baden-Württemberg und hätte sehr gerne mehr Möglichkeiten, für neue Techniken an seiner Schule. medienbewusst.de hat ihm zu dem Thema mobile Endgeräte in Schulen befragt.

Herr Kalt, Inwieweit werden an Ihrer Schule bereits mobile Endgeräte in den Schulalltag integriert und wie?

Wir haben einen Satz von zehn Laptops, die hauptsächlich in den naturwissenschaftlichen Fächern  eingesetzt werden. Die Schüler können ihre eigenen mobilen Endgeräte für die Verwaltung von Terminen oder Klassenarbeiten nutzen, wenn sie vorher bei den unterrichtenden Kollegen darum bitten und diese keine Einwände haben.

Die Einführung solcher Geräte erfordert die Neugestaltung des Unterrichts. Wie stellen sie sich diese Neugestaltung vor?

Ich würde noch stärker mit Wikis und anderen kollaborativen Methoden arbeiten als jetzt. Ich müsste dann nicht mehr so oft den Computerraum buchen, wie ich das jetzt mache. Gerade offenere und längerfristig angelegte Arbeitsformen wie Projektunterricht sind kaum zu realisieren, wenn die Schüler nicht dauerhaft Zugriff auf Computer oder ähnliche Geräte haben. Diese kommen sowohl zur Recherche, zur Dokumentation, als auch zur Präsentation von Ergebnissen zum Einsatz.

Gibt es ein bestimmtes Gerät, welches Sie für besonders geeignet halten für den Unterricht?

Ein Spezielles nicht. Die offensichtlichen Anforderungen sind natürlich, dass die Geräte robust sind,  einfach eingesetzt werden können und bezüglich der Kosten im Rahmen bleiben. Welches Gerät diesen Anforderungen heute oder in fünf Jahren am besten entspricht, kann ich aufgrund fehlender Erfahrung nicht sagen.

Die Digitalisierung erlaubt mehr Kontrolle. Welche Probleme könnten diesbezüglich auftreten?

Ein wichtiger Faktor bei der offenen Gestaltung von Unterricht mit mobilen Geräten ist das Stärken der eigenverantwortlichen Arbeit. Mit der neu gewonnenen Freiheit angemessen umzugehen, funktioniert seitens der Schüler nicht sofort. Die meisten müssen sich heran tasten. Entsprechend behutsam muss man meines Erachtens die Kontrolle bzw. Einräumung von Freiheiten gestalten. Das Schulsystem setzt in der Regel auf enge Kontrollen. Die Schülerinnen und Schüler sind also in einem Kontrollsystem sozialisiert. Nimmt man die Kontrollen weg, reagieren viele damit, dass sie ihre neue Freiheit ausnutzen. Wenn man aber die Einräumung von Freiheit gut vorbereitet und schrittweise gestaltet, und außerdem darauf achtet, dass die Schülerinnen und Schüler den Sinn der Lerninhalte nachvollziehen können, sind meiner Erfahrung nach nicht viele Kontrollen nötig. Man muss als Lehrer aber auch den Willen aufbringen, den Kontrollverlust zu ertragen. Das ist nicht immer einfach, lohnt sich aber.

Andreas Kalt

Andreas Kalt

Die taz.de schreibt: „Schulen sind eine gute Möglichkeit die neuen Techniken abzusetzen und der Staat ist dabei ein reicher Kunde. Auch werden so die Kinder schnell an die Markennamen gewöhnt.“ Was denken Sie über diese?

Die beschriebene Gefahr besteht ohne Zweifel. Ich mag es zum Beispiel auch nicht, wenn von „iPad-Klassen“ die Rede ist, weil das so sehr auf die Marke des Geräts abzielt. Allerdings muss man auch sehen, dass z.B. iPhones und iPads bei den Schülern ohnehin einen extrem hohen Stellenwert besitzen. Auch ohne eine Schule, die diese Geräte einsetzt. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die Schule viel zu diesem Markenkult beiträgt. Er existiert hauptsächlich außerhalb der Schule und wird dort auch von den Schülerinnen und Schülern, von Werbung etc. „gepflegt.“

Inwieweit sehen Sie Probleme bei den Lehrern selbst? Sind diese vorbereitet auf die neue Technik?

Es gibt meiner Erfahrung nach viele Kolleginnen und Kollegen, die einen rein pragmatisch orientierten Zugang zu Medien haben. Sie verwenden Computer, Beamer etc. dort, wo es ihre Arbeit erleichtert oder die Aufgaben es erfordern, sie haben allerdings keine besondere Affinität zu den Geräten. Dies kann dazu führen, dass man den Überblick über neue Technologien verliert, weil man sich nicht aktiv bemüht, auf dem Laufenden zu bleiben. Bei Jugendlichen ist es in der Regel anders. Smartphones und iPads stellen für sie oft einen „Wert an sich“ dar, weil sie sie als „cool“ empfinden. Es gibt also zunächst eine Diskrepanz in der Bewertung dieser Geräte. Für einen produktiven Einsatz im Unterricht halte ich den pragmatischen Ansatz durchaus für angemessen, wenn er mit dem Willen gepaart ist, sich in die neuen technischen Möglichkeiten einzuarbeiten, wo sie sinnvoll sind. Meiner Erfahrung nach nehmen viele Kolleginnen und Kollegen Fortbildungsangebote gerne an, wenn der Sinn der Technik nachvollziehbar gemacht wird.

Wie stellen Sie sich den Unterricht der Zukunft vor?

Offener als jetzt, in längeren Zeitabschnitten als 45 Minuten organisiert, mit Aufgabenstellungen, die mehr eigenverantwortliches Arbeiten, Strukturierung und Planung durch die Schülerinnen und Schüler erfordern. Dazwischen Phasen stärkerer Strukturierung, um die freieren Phasen zu bündeln, zusammen zu fassen und den Überblick nicht zu verlieren.

medienbewusst.de bedankt sich bei Herrn Kalt für das Interview und wünscht weiterhin viel Erfolg.

 

Weitere Artikel aus unserer Reihe: „Mobile Endgeräte im Schulalltag“:

Bericht: Mobile Endgeräte im Schulalltag

Fördern, nicht verbieten

„Medien alleine machen noch keinen besseren Unterricht“

 

Anika Penn

Bildquelle:
© Andreas Kalt
© flickr.com – Extra Ketchup

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