„Viele Kinderbuch-Apps haben ein hohes Leseförderpotential“

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18. Februar 2015 Print This Post

Kinderbuch-AppsDigitales Lesen wird heutzutage immer normaler und Kinder werden immer früher damit konfrontiert. Ob Conni, Aschenputtel oder der König der Löwen – eine Menge Kindergeschichten können Eltern für ihre Sprösslinge als App herunterladen. Dr. Sigrid Fahrer von der Stiftung Lesen sagt, worauf es bei der Auswahl und Nutzung von Kinderbuch-Apps ankommt und hat medienbewusst.de einige Fragen dazu beantwortet.

Frau Dr. Fahrer, welche Vorteile bieten die digitalen Leseangebote im Gegensatz zum herkömmlichen Buch?

Ich würde gar nicht so sehr von Vorteil oder Nachteil sprechen – es hängt immer von der Situation ab. Aber wir untersuchen natürlich das Leseförderpotential der neuen Medien und haben dabei herausgefunden, dass diese ein enormes Potential in sich haben, was das familiäre Lesen angeht. Zum Beispiel zeigt die Vorlesestudie 2012, dass gerade die Väter motiviert werden können, mit den digitalen Medien vorzulesen. Auch die Kinder werden auf eine neue Art zum Lesen motiviert. Animierte Bilder helfen außerdem enorm gut beim Lesen lernen. Im Gegensatz zum Printbuch gibt es oft auch noch Geräusche, die neben den Bildern zusätzliche Hilfestellungen geben. Das kommt grade den schwachen Lesern zugute.

Gibt es auch Risiken?

Natürlich gibt es einige Dinge, die im Vergleich zum Printbuch beachtet werden müssen. Selbst bei Kinderbuch-Apps findet man Links zu facebook und Twitter oder auch Werbung für weitere Angebote der Anbieter. Ein weiteres Problem sind In-App-Käufe: Die App an sich ist zwar kostenlos, aber einige Funktionen lassen sich nur gegen Bezahlung freischalten. Ich würde einfach empfehlen, dass Eltern die App, bevor sie sie weitergeben und auch bevor sie sie gemeinsam mit ihren Kindern anschauen, erstmal genau auf Herz und Nieren prüfen. Oft gibt es die Möglichkeit, bestimmte Dinge zu unterbinden, wie die Verbindung zum Internet und die In-App-Käufe. Gut ist es auch, jeden Vorgang mit einem eigenen Passwort zu versehen. So kann man die App kindersicher machen – auch wenn sie solche Stolpersteine aufweisen sollte.

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Dr. Sigrid Fahrer – Stiftung Lesen

Auf der Internetseite der Stiftung Lesen steht, dass man Apps mit kleineren Kindern grundsätzlich gemeinsam nutzen sollte. Warum ist das so wichtig?

Die interaktiven Geschichten-Apps haben ja unterschiedlich viele multimediale Elemente. Da ist es relativ wichtig zu schauen, ob diese sinnvoll in die Geschichte integriert sind. Es gibt bei vielen Apps auch Elemente, die mit der Geschichte an sich nichts zu tun haben – und diese lenken enorm von der Geschichte ab. Deswegen ist es gut, wenn Kinder mit ihren Eltern zusammen die App entdecken und gemeinsam eine Art Lesedramaturgie entwickeln. Eltern können zum Beispiel bestimmte Elemente ausschalten oder nur gewisse Dinge mit ihren Kindern antippen. Wenn zu viel auf einer Seite passiert, dann kann das die Kinder auch einfach überfordern.

Welche Bedeutung hat das Lesen heutzutage – in einer Welt der Digitalisierung – eigentlich noch?

Wir sind überall von Texten umgeben – ob in digitaler oder gedruckter Form. Deshalb ist das Lesen weiterhin von großer Bedeutung. Das Lesen ist aber nur ein Teil in einem großen Verständnisgitter der multimedial betriebenen Medien. Ein multimedialer Text erfordert eine neue Lesestrategie, da man Textstrukturen zusammen mit Filmen, Geräuschen oder anderen Elementen entschlüsseln muss. Das Lesen heutzutage erfordert sozusagen eine multimediale Informationskompetenz, die auch den Kindern vermittelt werden muss.

Wie können Eltern die Lesekompetenz ihrer Kinder am besten fördern?

Ich würde vorschlagen, einfach vorzulesen – von Anfang an. Das Lesen sollte zu einem ganz festen und ritualisierten Bestandteil des Familienalltags werden. Wichtig beim Vorlesen ist, dass man geduldig ist, Zwischenfragen und Ausschweifungen zulässt, gemeinsam über das Gelesene redet und auf die Bedürfnisse des Kindes eingeht. Wenn die Kinder dann in die Schule kommen, sollte man sich auf keinen Fall denken: „Ach jetzt können die ja selbst lesen“. Da ist es ganz wichtig, dass man weiter vorliest. Lesen lernen ist super anstrengend. Wenn die Kinder das Buch dann mit einer anstrengenden Tätigkeit, Notendruck und Aufgaben verbinden, sollte zu Hause immer wieder gemütlich vorgelesen werden. Denn so werden der Spaß am Buch und die Lust am Lesen erhalten.

Ist es dabei egal, ob man digitale oder Printbücher nutzt?

Es kommt immer auf das Kind, die Situation und auf die App an sich an. In Reise‑ oder Wartesituationen ist digitales Lesen beispielsweise sehr beliebt, weil man viele Bücher auf einem Gerät speichern kann. Zum Vorlesen vor dem Schlafengehen hingegen greifen die meisten zum guten, alten Printbuch zurück. Interaktive Kinderbuch-Apps mit Spielelementen eignen sich zum Schlafengehen natürlich nicht so gut. Es gibt aber auch hervorragende Gute Nacht-Apps, bei denen man zum Beispiel am Ende überall das Licht ausmacht – und dann kann man auch bei sich selbst das Licht ausmachen.

medienbewusst.de bedankt sich bei Frau Dr. Fahrer für das Interview und wünscht weiterhin viel Erfolg.

Laura Nobel

Bildquelle:
© stiftungslesen.de
© Helene Souza /pixelio.de

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