Urs Gasser über Digital Natives und solche, die es nicht sind

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4. Februar 2011 Print This Post

„Digital Natives“ ist ein Schlagwort, das sich in den letzten Jahren sehr etabliert hat. Mit der Übersetzung „Digitale Eingeborene“ können viele aber genauso wenig anfangen, wie mit dem englischen Pendant. Was also steckt hinter diesem ominösen Begriff und was haben Menschen der jüngsten Generation damit zu tun? medienbewusst.de sprach darüber mit Urs Gasser, Professor für Informationsrecht an der Universität St. Gallen und  Direktor des Berkman Centers der Harvard University.

Herr Gasser, Sie haben in ihrem neuen Buch „Generation Internet. Die Digital Natives: Wie sie leben – Was sie denken – Wie sie arbeiten“ den „Digital Native“ als einen Menschen definiert, der nach 1980 geboren ist, Zugang zu digitalen Technologien hat und über die Fähigkeit verfügt diese auch zu nutezn.  Ist diese Definition weiterhin so richtig?

Das ist immer noch richtig. Es gibt viele Diskussionen über den Begriff des „Digital Natives“ aber ich denke, dass er gerade in der Diskussion um Kinder und Mediennutzung ein relativ griffiges und prägnantes Schlagwort ist. Aber wie immer bei Schlagwörtern ist die Gefahr der zu starken Generalisierung des Begriffs auch hier präsent. Deshalb auch die drei Kriterien die eben zeigen, dass nicht jedes Kind, jeder Jugendliche zwangsläufig ein „Digital Native“ sein muss.

Wie fängt die Beziehung des „Digital Natives“ zu seiner digitalen Umwelt an?

Diese Beziehung beginnt sehr früh. Ich habe selbst zwei Kinder, die schon mit drei oder vier Jahren ein Interesse für diese Dinge, wenn z.B. mein Mobiltelefon auf dem Tisch lag, entwickelt haben. Im Alter von fünf oder sechs Jahren haben Kinder dann die ersten digitalen Technologien in ihren eigenen Händen. Hier ist das Stichwort „Nintendo DS“, die Spielekonsole. Das Gleiche gilt natürlich auch für Mobiltelefone. Meine Tochter ist jetzt zehn und da ist das, das ganz große Thema. Mittlerweile haben die Telefone ja auch gleich Internetzugang und damit ist man dann auch schon voll in die digitale Umwelt integriert.

Welche Gefahren gibt es Ihrer Meinung nach im Umgang mit der digitalen Welt für Kinder?

Die Masse an Informationen stellt hier meiner Meinung nach die größte Herausforderung dar. Wie schaffen wir es, uns Qualitätsurteile zu bilden um diese Masse an Informationen zu filtern? Dies fällt schwer, wenn  sogar medizinische Informationen von nahezu jedem ins Netz gestellt werden können. Bei Kindern ist das Urteilsvermögen nachweißlich noch nicht so gut ausgebildet wie bei Erwachsenen. Diese Erkenntnis hat man in der Neurobiologie gewonnen.

Die zweite Problematik ergibt sich aus den Nutzungsstatistiken zu der Frage: Wo werden Informationen von Jugendlichen eingeholt? Dort zeigt sich, dass hier vorrangig das Internet genutzt wird. Das gilt gerade für sensitive und medizinische Informationen, wo wir Erwachsenen eher die Meinung eines Fachmannes, Arztes oder einer anderen Vertrauensperson einholen würden. Deshalb stellt sich hier ganz konkret die Frage nach der Qualität der Informationen im Internet.

Müssen Eltern ihre Kinder vor Informationen schützen? Und wenn ja, wie?

„Schützen“ ist ein starkes Wort. In der Debatte um die Qualität von Informationen gibt es einen Bereich der durchaus schädlich für Kinder sein könnte, wie extreme Gewaltdarstellungen oder falsche Informationen, wenn es um medizinische Fragen geht. In diesem Bereich haben Eltern durchaus eine „Schutz-Pflicht“. Allerdings glauben wir dort weniger an technische Filtermaßnahmen oder Verbote. Das Wort Schutz ist in diesem Kontext vielmehr so zu interpretieren, dass man mit den Kindern das Gespräch über diese Themen und Risiken sucht. Auch hier sollte man wieder bedenken, dass dieser Prozess nicht einseitig stattfindet, sondern durchaus als Dialog zwischen Kindern und Eltern zu sehen ist. Eltern können hier auch viel von ihren Kindern lernen.

Ist es Ihrer Meinung nach Aufgabe der Eltern ein Bewusstsein für Privatsphäre im Web 2.0 zu vermitteln?

Wenn es um dieses Bewusstsein geht sehe ich das Potential eher im „Peer to Peer-learning“, also bei Jugendlichen untereinander. Sie entwickeln in der Zusammenarbeit Strategien und Verhaltensweisen, wie man mit diesen Risiken im Web 2.0 umgehen sollte. Jugendliche haben durchaus auch ein Bewusstsein für Privatsphäre allerdings ist es ein anderes als bei Erwachsenen.

Eine der größten Herausforderungen für die Eltern bleibt es jedoch die eigentlichen Gefahren des digitalen Lebens zu lokalisieren und sich nicht von Vorurteilen leiten zu lassen. Sie müssen zuerst einmal herausfinden, was die Jugendlichen und Kinder überhaupt machen, wenn sie online sind. Um dann festzustellen, wie gefährlich diese Sachen wirklich für die Entwicklung des Kindes oder des Jugendlichen sind. Gerade unser Buch und andere Arbeiten, die wir gemacht haben sollen eben genau dazu beitragen die zum Teil vorhandenen Mythen aufzuklären.

Rolf Schumeister, Professor für Pädagogik an der Universität Hamburg, schreibt in seinem Buch „Gibt es eine Netgeneration?“ folgenden Satz: „Mein Ziel ist es, der Verschiedenheit der Individuen gerecht zu werden und ihre Diversität im Unterricht zu respektieren. Die Konstruktion einer Net Generation scheint mir geradezu der konträre Weg zu sein, es ist allenfalls eine unsolide Prognose einer zukünftigen Generation.“

Was sagen sie dazu Herr Gasser?

Diese Frage schließt einen schönen Kreis zu der Eröffnungsfrage. Ich würde grundsätzlich zustimmen, dass es prägnante Unterschiede in den Nutzungsgewohnheiten gibt. Es ist überspitzt gesagt, wie in der Fahrschule: Dort gibt es sehr aggressive Charaktere, die schon ganz anders in das Auto einsteigen als eine sehr schüchterne Person oder vielleicht jemanden, der sogar schon einmal einen Autounfall miterlebt hat. Das Phänomen „Auto“ ist allerdings als Ganzes ein wichtiges gesellschaftliches Phänomen, das uns doch irgendwo verbindet. Das ist natürlich sehr vereinfacht dargestellt, aber das Internet ist eine solche Realität. Ich würde also das Zitat so stehen lassen, aber noch ergänzend fragen: Wo sind die Differenzierungspunkte und wo sind die Gemeinsamkeiten, mit denen wir uns befassen sollten?

Das herauszufinden, bleibt dann wohl unsere Aufgabe.

Ja, das denke ich auch.

medienbewusst.de bedankt sich bei Prof. Dr. Urs Gasser für das Interview und wünscht weiterhin viel Erfolg bei der wissenschaftlichen Arbeit.

Paul Träger

Bildquelle:
Foto zur Verf. gestellt von Urs Gasser

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