„Beim nächsten Mal ist er nur nett“ – Sexueller Missbrauch im Internet

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26. August 2012 Print This Post

Eine Webcam

Im Internet herrscht eine Anonymität, die es Tätern sexueller Gewalt leicht macht, in Chatrooms oder sozialen Netzwerken eine tiefe Beziehung zu Kindern und Jugendlichen aufzubauen. medienbewusst.de sprach mit der Diplom-Psychologin Julia von Weiler, Geschäftsführerin der Deutschen Sektion des Kinderschutzvereins Innocence in Danger e.V, über Formen sexualisierter Gewalt im Internet, wie betroffenen Kindern und Jugendlichen geholfen werden kann und welche Möglichkeiten der Prävention es gibt.

Frau von Weiler, was für Formen kann sexualisierte Gewalt speziell im Internet annehmen?

Da gibt es die verschiedensten Formen. Zum Beispiel werden Kinder und Jugendliche gezielt mit sexuellen Inhalten konfrontiert oder ihnen wird pornographisches Material zugeschickt. Darüber hinaus spielt das Internet bei der Verbreitung kinderpornografischen Materials eine große Rolle. Für die Betroffenen ist die Verbreitung des Missbrauchs, der zu Hause im Schlafzimmer stattgefunden hat, ein erneuter Schlag ins Gesicht.

Weiterhin gibt es den sogenannten Cybersex über eine Webcam. Das heißt, ein Täter oder eine Täterin freundet sich mit einem Kind oder Jugendlichen an, gibt eventuell vor verliebt zu sein und verlangt nach Unterwäsche‑ oder sogar Nacktbildern. Das kann so weit gehen, dass die Kinder Bilder schicken sollen, bei denen sie sich sexuell berühren. Oder, dass sie sich direkt vor einer Webcam entblößen und selbstbefriedigen sollen. Dieses Material wiederum können die Täter benutzen, um die Kinder und Jugendlichen zu erpressen, ihnen weitere und heftigere Bilder zur Verfügung zu stellen oder es zu verbreiten.

An was für Orten im Internet tritt sexualisierte Gewalt am Häufigsten auf?

Das sind vor allem Chatrooms und soziale Netzwerke. Jemand, der es darauf anlegt zu missbrauchen, hat dort über die Nutzer-Profile oder Pinnwandeinträge Zugang zu sehr vielen Vorinformationen über die Kinder und Jugendlichen. Zwar kennen sich Kinder und Jugendliche in sozialen Netzwerken gut aus, aber sie sind den Strategien und dem Entwicklungsstand eines erwachsenen Täters oder einer erwachsenen Täterin unterlegen. Es fällt ihnen schwer, die Absichten der Täter zu erkennen. Denn die Täter wissen natürlich ganz genau, wie sie Kinder manipulieren können. Außerdem haben Täter online den großen Vorteil, dass sie sich mit dem Umfeld des missbrauchten Kindes nicht erst gut stellen müssen. Keine dritten Personen „stehen ihnen im Weg“.

Warum schaffen viele Kinder es nicht, den Kontakt zu einem Täter einfach abzubrechen?

Julia von Weiler

Julia von Weiler

Häufig ist zwischen beiden Seiten längst eine Beziehung entstanden. Manchmal glauben Kinder und Jugendliche sogar sich in die Täter verliebt zu haben. Andere Täter nutzen ganz gezielt die „Mitleidsnummer“. Es gab zum Beispiel einen Mann, der sich als sterbende, krebskranke Lesbe ausgegeben hat. In so einem Fall haben Jugendliche Mitleid mit den Tätern und wollen ihnen ihre Wünsche erfüllen.

Häufig entsteht eine emotionale Verwicklung mit großen Ambivalenzen. Die Kinder merken, leider oft zu spät, dass etwas schief läuft und reden sich die Situation schön. Zuerst stehen natürlich auch Verlockungen dahinter: Kinder und Jugendliche sind neugierig, naiv, überschätzen sich oder fühlen sich geschmeichelt. Ich glaube, dass das Prinzip Hoffnung immer nur sehr schwer stirbt. Die Hoffnung der Kinder „Beim nächsten Mal ist er nur nett“ überwiegt. Ambivalente Beziehungen sind grundsätzlich sehr schwer zu durchbrechen.

Wie merkt ein Erwachsener, dass ein Kind Opfer sexualisierter Gewalt geworden ist und was kann er dagegen tun?

Die meisten Kinder sprechen nicht direkt darüber, was ihnen widerfahren ist. Sie schämen sich und die Täter setzen sie gezielt unter Druck. Dennoch teilen sich Kinder auf die eine oder andere Art mit. Wenn ein Kind sich in seinem Wesen extrem verändert, sollten Erwachsene auch einen sexuellen Missbrauch in Erwägung ziehen. Doch selbst wenn Kinder darüber sprechen ist es häufig so, dass sie erst bis zu acht Erwachsene ansprechen müssen, bevor ihnen geglaubt wird. Erwachsene wollen diese Verbrechen nicht wahrhaben. Nicht zuletzt, da sie aller Voraussicht nach den Täter oder die Täterin kennen und er zum Beispiel ein Verwandter oder guter Freund der Familie ist.

Betroffene Kinder und Jugendliche sind auf ein Umfeld angewiesen, dass es ihnen ermöglicht, dieses Thema anzusprechen. Und das geschieht am besten, wenn Eltern ihren Kindern vermitteln, dass sie wissen, dass es sexuellen Missbrauch gibt. Auch sollten sie vermitteln, dass sie wissen, wo sie Hilfe holen können und dass sie den Kindern zuhören.

Bei Jugendlichen ist die Sache ein wenig anders. Jugendliche teilen sich in aller Regel auch ihren Freundinnen und Freunden mit. Oft geraten diese dann in ein Dilemma, weil sie zum Schweigen verpflichtet werden, aber gleichzeitig sehen, dass es ihrem Freund oder ihrer Freundin schlecht geht. Sie wissen nicht, wie sie handeln sollen. Doch dafür gibt es dann Online-Beratungsstellen, wie zum Beispiel save-me-online.

Wie sieht die Arbeit von Innocence in Danger genau aus?

Die Arbeit von Innocence in Danger besteht im Wesentlichen aus fünf Säulen. Die erste Säule ist Öffentlichkeitsarbeit über das Thema „Sexualisierte Gewalt“ und vor allem über das Thema „Sexualisierte Gewalt mittels digitaler Medien“. Wir versuchen über Missbrauch aufzuklären und Bewusstsein und Aufmerksamkeit zu schaffen. Die zweite große Säule ist das Präventionsangebot. Wir haben zum Beispiel ein Peer-to-Peer Projekt für 14 bis 19-Jährige entwickelt, das sich Smart User Peer2Peer Prävention nennt. In diesem Projekt bilden wir Jugendliche zu sogenannten „Smart User Trainern“ aus, die damit Ansprechpartner für jüngere Jugendliche in Fragen der Online-Sicherheit und Fragen um den sexuellen Missbrauch werden. Die „Smart User Trainer“ haben innerhalb ihrer Institution wiederum selbst erwachsene Ansprechpartner.

Der Verein versucht außerdem konkrete Hilfestellungen für betroffene Kinder und Jugendliche zu realisieren. Seit 2005 kümmern wir uns um N.I.N.A., eine nationale Telefon-Anlaufstelle für Erwachsene, die sich Sorgen machen, ein Kind könnte sexuell missbraucht werden. Kinder im Kindergarten‑ und Grundschulalter rufen von sich aus keine Hotline an und suchen auch nicht nach einer Online-Beratung im Internet. Ein anderer Aspekt unserer Arbeit ist die sogenannte Intervention, also therapierende Hilfe für betroffene Kinder und Jugendliche. Es gibt zum Beispiel die Kunstwochen für traumatisierte Kinder. Dabei arbeiten betroffene Kinder, unterstützt durch einen schützenden Erwachsenen, mit Künstlern in deren jeweiligen Kunstformen zusammen.

medienbewusst.de bedankt sich bei Julia von Weiler für das Interview und wünscht weiterhin viel Erfolg bei ihrer Arbeit gegen sexuellen Missbrauch.

Wanda Kesel

Bildquellen:
© Julia von Weiler
© flickr.com – mofetos

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