„Gute Literatur gleicht mittlerweile der Suche nach der Nadel im Heuhaufen“

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12. Juni 2017 Print This Post

Rossipotti großDas Internet ist der Ort der unbegrenzten Möglichkeiten. Sucht man nach Literatur, wird man von Angeboten überhäuft. Durch die Flut von Informationen durchzusteigen ist kein Kinderspiel, weshalb Kinder lernen sollten, sich damit auseinanderzusetzen. Doch wo können sie damit anfangen?
Medienbewusst.de hat mit Annette Kautt von dem Online-Literaturmagazin Rossipotti gesprochen, um einen Einblick hinter die Kulissen zu bekommen.


Es gibt eine Vielzahl an Internetseiten für Kinder. Was genau bietet Rossipotti?
Rossipotti ist ein Literaturmagazin und –lexikon für Kinder zwischen sechs und 13 Jahren, in dem zum Beispiel in Form von Buchtipps, Interviews und Diskussionen über Literatur gesprochen wird oder Geschichten gelesen oder gehört werden können. Das Magazin erscheint unregelmäßig und hat jedes Mal ein bestimmtes Thema, an dem es sich orientiert. Die früheren Ausgaben waren eher an textlastigen Printmedien orientiert, doch bei der letzten Ausgabe haben wir uns stark an Bilderbuch-Apps orientiert.

Das aktuelle hat ja das Thema „Glück“. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welches Thema eine Ausgabe bekommt?
Da wir ein unabhängiges Literaturmagazin sind, also auch nicht an einen Verlag gebunden sind, muss ich mich nicht an den Mainstream der Szene oder an Marktinteressen halten. Ich kann Themen deshalb ganz frei auswählen und höre dabei oft auf mein Bauchgefühl oder was in der Luft liegt. Das war beispielsweise bei der aktuellen Ausgabe „Glück“ oder bei „Was sollen wir tun?“ der Fall. Manchmal halte ich mich auch ganz konventionell an die Jahreszeiten wie bei der „Winter“-Ausgabe oder an typisch literarische Themen wie „Märchen“ oder „Lyrik“.

Warum sollten sich Kinder Ihrer Meinung nach im Internet mit einem Online-Literaturmagazin beschäftigen?
Rossipotti ist ein virtueller Ort, wo Kinder sehr viel Literatur lesen und hören, sehr viel Hintergrundwissen über Literatur und ihre Entstehung erfahren, und wo sie selbst ihre eigene Geschichten und Bilder veröffentlichen können. Ich kenne in Deutschland kein anderes Literaturmagazin für Kinder (weder im realen noch im digitalen Raum), das so viel an Informationen und Möglichkeiten bietet.

Welche konkreten Angebote gibt es für Kinder, um bei Rossipotti selbst aktiv zu werden?
In Rossipotti gibt es eine eigene Mach-Mit-Rubrik, in der Kinder eigene Bilder und Comics veröffentlichen können. Innerhalb dieser Rubrik gibt es beispielsweise in der aktuellen Ausgabe eine „Glücksgalerie“, in der sie in kleine Bilderrahmen reinschreiben können, was sie glücklich macht. Im „Café Glück“ können sie mit der „Textkrake“ mit anderen Kindern zusammen an einer Fortsetzungsgeschichte schreiben. Außerdem gibt es einen moderierten „Chat“, der von Medienpädagogikstudenten der Uni Leipzig betreut wird. Ein weiterer Bestandteil von Rossipotti ist das „Literaturlexikon“, bei dem die Kinder, nachdem sie einen kleinen Lehrgang zum Thema Bibliografieren absolviert haben, als Experten Buchtipps schreiben und Bücher bewerten können.

Was zeichnet Ihrer Meinung nach eine gute Medienkompetenz (bei Kindern) aus?
Grundsätzlich verstehe ich unter Medienkompetenz, dass Mediennutzer, also auch Kinder, Medien kennen, sie voneinander unterscheiden können, wissen, wie sie welche Medien nutzen können, aber auch, welches Medium welche Grenzen hat. Ein Medium richtig kennen und es verstehen, kann man aber vor allem erst dann richtig, wenn man auch weiß, wie es hergestellt wird, wenn man also den Produktionsprozess kennt und auch fähig ist, das Medium selbst mitzugestalten.

Und hier sehe ich, wenn ich die letzten fünfzehn Jahre betrachte, einen wesentlichen Rückgang von Medienkompetenz bei den Nutzern. Gerade was das Internet-Medium angeht, werden Nutzer immer mehr zum Konsumenten und immer weniger zum Produzenten. Interaktivität und Mitgestaltung finden heute meistens nur noch statt, indem man auf einen „Like“-Button drückt oder einen kurzen Kommentar abgibt – wenn überhaupt. Bei dieser Art der Interaktivität ist man aber nicht wirklich Gestalter des Mediums, sondern wird im Gegenteil zum medieninkompetenten Erfüllungsgehilfen von Facebook und Co.

Was hat Sie persönlich dazu bewegt, sich nun schon seit 15 Jahren bei Rossipotti um die Redaktion, Illustration und Gestaltung zu kümmern?
Der eigentliche Grund war, Literatur an Kinder zu bringen, die nicht an der Zensurmaschinerie von Verlagen vorbei muss. Mit dem Argument, dass ihre Leser das so möchten, veröffentlichen Kinderbuch-Verlage heute meiner Meinung nach größtenteils langweilige, unspannende, Bücher, die immer sehr ähnliche Themen mit sehr ähnlichem Habitus durchkauen. Gute Literatur für Kinder, also Literatur, die ungewöhnliche, inspirierende Einblicke und Perspektiven zeigt, die im Kern kritisch, aber trotzdem unterhaltsam und dem Leser zugewandt bleibt, muss man schon seit vielen Jahren wie die Stecknadel im Heuhaufen suchen.

Tasia Hohmann

Bildquelle:

© www.rossipotti.de

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