Sexualität in Kinder‑ und Jugendfilmen – Gefahr und Chance?

Artikel weiterempfehlen

Um Artikel über soziale Netzwerke weiterzuverbreiten, müssen Sie diese aktivieren - für mehr Datenschutz.

18. Januar 2009 Print This Post

Kinosaal_1.jpg

Bereits im Herbst 2007 als Bischoff Algermissen zum Boykott des Sexualitäts-Musicals „Nase, Bauch und Po“ (initiiert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) für Kleinkinder aufrief, war wieder klar: Der Mythos des asexuellen Kindes ist immer noch nicht überwunden. Barrieren zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit werden mit solchen Boykotts schon im frühen Kindesalter gelegt. Welche pädagogische Arbeit kulturelle Angebote – darunter zählen auch Filme – leisten können, scheint vielen nicht klar zu sein.

Der Begriff der Sexualität ist nicht eindeutig definiert. Einig ist man sich jedoch, dass Sexualität mehr ist als der Akt des Geschlechtsverkehrs. Sexualität ist Identität und Persönlichkeit, Psyche und Körperlichkeit, die sich seit Geburt entwickelt und nicht erst mit Eintritt ins „Teeniealter“.  Auch wenn die Aufklärungshoheit nach wie vor bei den Eltern liegt, so haben heutzutage die Medien einen wichtigen Aufklärungscharakter. Medien können und sollten den fehlenden familiären Aufklärungsgesprächen entgegenwirken oder eine Ergänzung sein: „Filme können dabei sowohl zur Identifikation als auch zur Abgrenzung ermutigen, sie können sexuell aufklären und sogar die als schwierig empfundene Phase der Pubertät relativieren und erleichtern helfen.“ (Ane Dahm, Prüferin der Filmwirtschaft bei der Freiwilligen Selbstkontrolle FSK)
Selbst Filme für kleine Kinder können Werte vermitteln, Aufklärung leisten oder von Liebe, Zuneigung und Zärtlichkeit handeln. Das Aufbrechen von Geschlechterrollen und Stereotypen gehört dabei ebenso dazu, wie etwa das (beiläufige) Thematisieren der gleichgeschlechtlichen Liebe. So geschehen in einem Kurzfilm mit dem Titel „Was ist Liebe?“, den der Kinderkanal (K.I.K.A) innerhalb der Sendung mit der Maus ausstrahlte. Leider sind solche Filme die Ausnahme: „Was ist Liebe?“ (Weiterleitung zum Film)

Anders sieht es im Bereich der Jugendfilme aus. Hier setzt sich in der Tat die Filmbranche in den letzten Jahren verstärkt mit Sexualität, Liebe und Geschlechterrollen auseinander. Das Interesse ist groß und das sollte nicht verwundern, denn zwischen dem zehnten und sechzehnten Lebensjahr erwachen sexuelle Neugierde und Fragen bezüglich der Intim‑ und Privatsphäre.
Wie Jugendliche auf Sexualität im Film reagieren, wurde in einem Projekt untersucht, das vom rheinland-pfälzischen Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend 2003 initiiert wurde. Man stellte fest: „Die Jugendlichen gingen souverän mit Darstellungen von Sexualität um. Dies geschah ihrem jeweiligen persönlichen Entwicklungsstand entsprechend albern und verschämt, aber auch selbstbewusst und reif.“ (Ane Dahm, Prüferin der Filmwirtschaft bei der FSK)

Und weiter heißt es: „Kinder und Jugendliche, die noch ihre eigene Identität ausbilden, suchen in fiktionalen Medienprodukten nach Orientierungen für ihr Verhalten. So ist es wichtig, dass Filme ein breites Spektrum an Geschlechterrollen anbieten, mit denen sich die jungen ZuschauerInnen identifizieren, die sie aber auch kritisch hinterfragen und verwerfen können.“ (Petra Schwarzweller, Prüferin der Filmwirtschaft bei der FSK und Prüferin der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen)

Im Film Billy Elliot wird diese Thematik in besonderer Weise aufgegriffen, indem ein irischer Junge Ballett tanzen möchte und sich damit letztendlich bei seinem Vater durchsetzt. Der Charakter von Billy Eliot, als auch der seines besten Freundes (der sich im Film als schwul outet) wurde von den befragten Jugendlichen als positiv empfunden und offen aufgenommen. Für ihre Durchsetzungskraft wurden beide bewundert.

Die Reaktionen der Jugendlichen machen vor allem eins deutlich: Filme haben einen starken Sozialisationscharakter und führen zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschlecht, Geschlechterrollen und der Sexualität. Bei der Sexualerziehung sind also nicht nur Eltern und Schulen gefragt, sondern auch die Medien. Insbesondere Filme, die nicht über, sondern für Jugendliche gemacht werden, können eine nicht zu unterschätzende Orientierungshilfe bieten. Denn: „Sexualerziehung ist Sozialerziehung, Persönlichkeitserziehung und auch Wertevermittlung.“ (Helga Tolle, Psychologin)

Christina Schütze

Filmtipps zum Thema:
Die Farbe der Milch, Sieben Sommersprossen, Vergiss Amerika, Engel + Joe

Quellen:
http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,513378,00.html
http://www.zeit.de/2007⁄46/C-Kindergarten-Aufklaerung?page=3)
Medienkompetenz und Medienschutz, URL: http://www.spio.de/media_content/330.pdf

Ähnliche Beiträge

Kommentare

Comments are closed.