„Dem Kinderfilm fehlt es an Originalstoffen.“

29. April 2011 Print This Post

Im vergangenen Dezember hat die DEFA-Stiftung mehrere Preise verliehen, wie beispielsweise den an die „Kinder‑ und Jugendfilm Korrespondenz“ (KJK). Diese ist seit ihrer Gründung 1980 bis heute die einzige deutschsprachige Fachpublikation für Kinder und Jugendfilme. medienbewusst.de sprach mit Christel Strobel, Redakteurin der KJK, über die Entwicklung des Kinderfilms in Deutschland.

Frau Strobel, beschreiben Sie bitte, welche Kriterien ein „Kinderfilm“ erfüllen sollte.

Oft wird ja angenommen, dass ein Kinderfilm etwas Einfacheres sei als ein Film für Erwachsene, dass er einfacher geschrieben und nicht so tiefgründig sein muss. Diese Meinung hat sich in Westdeutschland nach dem zweiten Weltkrieg entwickelt und hielt sich lange. Hier war lange Zeit ein Kinderfilm meist gleichbedeutend mit einem Märchenfilm oder später mit einer Disneyproduktion. Ein guter Kinderfilm ist gleichermaßen für alle Altersgruppen interessant, legt aber den Fokus auf Probleme der Kinder und erzählt vor allem aus ihrer Sicht. Wichtig ist dabei, dass Regie und Produktion die gleichen Qualitätsvorstellungen wie an einen Film für ‚Große‘ haben.

Wie entwickelte sich denn der Kinderfilm in Deutschland?

Nach dem zweiten Weltkrieg waren Kinderfilme aus westdeutscher Produktion eigentlich nur Märchenfilme. Das war in den 50er und 60er Jahren. Hauptsächlich waren das Verfilmungen der Grimm’schen Märchen und gerade zu Anfang alles andere als hochwertig – auch ein Kind hat erkannt, dass das nur Kostüme sind.

Während dieser Zeit setzte dann das Kinosterben ein und das Fernsehen wurde allmählich interessanter und erschwinglich. Als dann durch eine Änderung des Jugendschutzes das Mindestalter für Kinobesuche auf sechs Jahre angehoben wurde, gab es keine nennenswerten Produktionen mehr, die Filme waren einfach nicht wirtschaftlich. Später gab es dann eine staatliche Förderung, die aber auch eingestellt wurde. So kam es, dass eher Familienfilme gezeigt wurden, die im Prinzip alle aus Skandinavien oder sozialistischen Ländern importiert wurden.

Sie betonen immer wieder die „westdeutschen Produktionen“. Wie sehr hat sich diese Entwicklung von jener in der DDR unterschieden?

Die Entwicklung war tatsächlich eine ganz andere. Die Regierung der DDR hat früh begonnen, gezielt Kinderkino zu fördern. Es gab viele Regisseure, die diese Arbeit leidenschaftlich ausgeübt haben, auch weil es eine gewisse Nische war. Die DDR als sozialistischer Staat hat ja schon recht genau darauf geachtet, was produziert wird.

Anders als das Fernsehen war die Filmproduktion der DEFA aber recht offen und verhältnismäßig frei von Propaganda. Es wurden oft Themen behandelt, die in anderen Medien der DDR nur schwer hätten erwähnt werden können. Natürlich gab es auch viele Märchenfilme, aber eben auch viele zeitgenössische Filme, die Themen behandelten, die die Kinder tatsächlich so erleben können. Scheidung oder Nachbarn, die aus dem Ausland kommen, wurden darin z. B. thematisiert.

Ein weiterer Unterschied lag einfach im Staatswesen der DDR begründet: Wenn ein Drehbuch überzeugt hat, dann hatten die Regisseure auch alle Möglichkeiten. Sorgen um die Finanzierung gab es nicht. Auch der Stellenwert des Kinos war ein anderer als im Westen: Eine Kinokarte hat nur wenige Pfennig gekostet und in vielen Kinos gab es eine Auswahl an Kinderfilmen.

Wie schätzen Sie die heutige Entwicklung der Kinderfilme ein?

Es ist wieder besser geworden. Nach der Wende gab es zuerst einmal einen Einbruch. Viele gute DEFA-Regisseure haben aufgehört. Das war schlicht die Umstellung auf einen kapitalistischen Markt, einhergehend der Niedergang der DEFA-Studios. Der Goldene Spatz findet aber nach wie vor statt (dieses Jahr vom 22. bis 28. Mai in Erfurt).

Leider gibt es heute nur wenige Filme, die nach Originalstoff gedreht werden, also Geschichten die direkt für den Film geschrieben wurden. Die meisten kommerziell erfolgreichen Filme sind nach Buchvorlagen gedreht. Sicherlich haben diese Filme ihre Qualität, aber oft sind sie nur wenig realitätsnah und zeigen Wunschbilder. Darüber hinaus werden die Filme in den Kinos meist nur am Nachmittag gezeigt, wenn die Kinder selbst noch in der Schule sind oder die Eltern arbeiten. Daher haben sie auch geringere Laufzeiten, weil sie natürlich nicht so viel Gewinn einspielen.

Was wünschen Sie dem deutschen Kinderfilm?

Auf jeden Fall wieder mehr Originalstoffgeschichten, die dann auch im Kino zu sehen sind. Die Filme sollten auch wieder mehr mit den Kindern selbst zu tun haben, sie sollen sich in ihnen wieder finden und ihre Sehnsucht nach Abenteuern stillen können. Wünschenswert wäre auch eine stärkere Beteiligung der ARD und des ZDF an neuen Produktionen, nicht nur an Märchenfilmen. Schließlich wollen die Kinder nicht nur Märchen, sondern auch etwas Abwechslung.

medienbewusst.de bedankt sich bei Christel Strobel für das Interview und wünscht weiterhin viel Erfolg.

Arne Nowacki

Bildquellen:
Porträtfoto zur Verf. gestellt ⅴ. Christel Strobel
© Cioppi – Fotolia.com

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