Das Waisenkind der deutschen Filmproduktion

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21. Juli 2011 Print This Post

Seit 2007 gibt es die „Gruppe Weimar“, eine Produktionsfirma deren Schwerpunkt, im Spielfilmbereich, auf der Produktion von Kinder‑ und Jugendfilmen liegt. medienbewusst.de hat mit einer der drei Gesellschafter, Christiane Schlicht, gesprochen. Die Kulturwissenschaftlerin, in der Firma zuständig für Stoffakquise, Stoffentwicklung und Produktion, sprach mit uns über die Voraussetzungen für gute Kinderfilmproduktionen und die Probleme in der Branche.

Frau Schlicht, wie läuft die Produktion eines Kinderfilmes typischerweise ab?

Typischerweise gibt es beim Film nicht! Es gibt natürlich gewisse Grundregeln die immer gleich sind. Bei einem Kinder‑ bzw. Jugendfilm ist die Produktionsphase im Idealfall relativ lang, weil man mit Kindern pro Tag nicht so lange drehen darf. Das liegt an Arbeitsschutzbestimmungen, denn Kinder dürfen in der Filmbranche nur fünf Stunden am Tag arbeiten. Man muss also gut vorbereitet sein, was natürlich bei jedem Film, egal ob man mit Kindern arbeitet oder nicht, wichtig ist. Wünschenswert ist es natürlich auch, wenn man ein Team hat, das schon mit Kindern gedreht hat.

Was ist für Sie die Motivation, Kinder‑ und Jugendfilme zu produzieren?

Unsere Hauptmotivation besteht darin, einen guten Kinderfilm auf den Markt zu bringen, bei dem Kinder die Protagonisten und Hauptakteure sind und bei welchem Kinder die Probleme, die im Laufe der Filmhandlung gestellt werden, aus sich selbst heraus lösen können und nicht aufoktroyiert durch Erwachsene. Es ist uns wichtig aus der Sicht der Kinder zu erzählen.

Finden Sie, dass es einen Mangel an guten Kinderfilmen in Deutschland gibt? Woran liegt das?

Ja! Es zeichnet sich eigentlich seit Beginn der Bundesrepublik ab, dass der Kinderfilm das Waisenkind in der Filmproduktion ist. Wenn man schaut, was seit 1945 in der Bundesrepublik produziert wurde, ist das sehr wenig. Jedoch muss man das ein bisschen unterteilen, denn in der DDR wurden mehr Kinderfilme produziert. Nach 1990 ging das leider wieder in die Richtung der ehemaligen Verfahrensweise der Bundesrepublik. Jetzt, im bestehenden System, ist der Film eine Ware, die verkauft werden muss und genau darin besteht tatsächlich das große Problem, nämlich, dass Kinderfilme im Kino fast nie so viel Geld einspielen wie ein Spielfilm.

Was ist das Geheimnis eines guten Kinderfilms?

Das würde ich gar nicht auf den Begriff Kinderfilm eingrenzen. Das kann man denke ich allgemein sagen. Natürlich ist das jetzt meine persönliche Ansicht, aber für mich ist ein Film ein guter Film, wenn die Geschichte stimmt, wenn ich auf irgendeine Art und Weise überrascht werde, das heißt, ich werde berührt, ich lerne etwas Neues, ich muss lachen, ich muss weinen. Dazu kommt für mich noch, dass der Film mir etwas Besonderes bieten soll, eventuell in seiner Machart. Er erzählt also beispielsweise eine Geschichte, so wie ich sie noch nie gesehen habe oder die Kamera hat eine ganz spezielle Erzählweise. Die Besonderheiten an einem Film machen für mich also einen richtig guten Film aus.

Was denken Sie, wie die Zukunft des Kinderfilms aussieht? Gibt es Prognosen oder vielleicht persönliche Wünsche?

Realistisch, pragmatisch gesehen, wird es noch sehr lange dauern, bis der Kinderfilm in Deutschland wirklich ein breiteres Publikum hat und auch in einer breiteren Masse produziert wird.

Mein persönlicher Wunsch und auch der meiner Kollegen der „Gruppe Weimar“ ist, dass es mehr Kinderfilme gibt und mehr Drehbücher entstehen, die nicht auf einer Buchvorlage basieren, sondern wirklich originelle Originalgeschichten erzählen. Man darf ja nicht vergessen, dass die Kinder von heute die Zuschauer von morgen sind und deswegen ist es natürlich auch extrem wichtig, die Kinder im Kino zu „bilden“, also sie an das Medium Kino heranzuführen.

Ich weiß es wird immer wieder gesagt, dass sich das Kino als Medium zu Gunsten von digitalen Heimkinos auflösen wird. Meiner Meinung nach wird es das aber nicht, weil Kino ein eigener Raum ist, wo man ganz andere Seh‑ und Wahrnehmungserfahrungen hat und das kann für mich das Heimkino nicht ersetzen. Diese Erfahrungen gehören dazu und genau deshalb ist es wichtig, immer wieder Kinderfilme entstehen zu lassen.

medienbewusst.de bedankt sich bei Christiane Schlicht für das Interview und wünscht viel Erfolg für die Zukunft.

Svenja Tödter

Bildquellen:
Porträtfoto zur Verf. gestellt ⅴ. Christiane Schlicht
© Alex Clemens

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