EduCamp 2009 – Marcel Kirchner im Interview

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17. April 2009 Print This Post

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Kinder und Jugendliche, Eltern, Unternehmer, Wissenschaftler – alle leben in einer Welt voller Medien. Schier unlösbar scheint die Aufgabe des Zurechtfindens. Doch wie kann man weiterhelfen? Was kann man tun um von ihnen zu lernen, mit ihnen eigene Fähigkeiten weiterzuentwickeln und vor allem wie können neue Medienformen gezielt für den Bildungsprozess genutzt werden? medienbewusst.de sprach über diese Themen mit Marcel Kirchner – dem Initiator des EduCamp 2009, welches vom 17. bis zium 19. April in Ilmenau stattfinden wird.

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Fachgebiet Kommunikationswissenschaft der TU Ilmenau

medienbewusst.de: Zum nunmehr dritten Mal findet das so genannte EduCamp statt. Zum zweiten Mal auch an Ihrem ehemaligen Studienort in Ilmenau. Aber was genau ist überhaupt ein EduCamp und wie kam es zu der Idee?

Kirchner: Erstmals aufgetreten ist der Begriff „EduCamp“ im Jahre 2007 in Kolumbien. Gemeint ist dabei der Dialog zwischen  Experten, Lehrenden, Vertretern von Unternehmen und Agenturen sowie interessierten Studierenden. Entstanden ist dieser Begriff durch die Zusammensetzung der beiden Begriffe „Education“ (engl. für Bildung) und „BarCamp“ (spezielle Konferenzart, bei der die Themen und Abläufe von den Teilnehmern bestimmt werden). Die Idee dazu entwickelte sich im Zuge der Recherche für meine Diplomarbeit. Gemeinsam mit meinem Kommilitonen Thomas Bernhardt lernte ich den freien Medienberater Steffen Büffel kennen, mit dem wir fortan die Idee hegten Experten und Studierende zusammenzubringen, um gemeinsam über die Trends des Online-Lernens zu diskutieren. Innerhalb von vier Monaten des gemeinsamen Konzipierens war die Idee für das erste deutsche EduCamp ausgereift.

medienbewusst.de: Wie kann man sich den Ablauf eines EduCamp vorstellen?

Kirchner: Am Eröffnungsabend wird eine eher klassische Podiumsdiskussion mit Experten der Bildungsszene stattfinden, die die Themenschwerpunkte des EduCamp anregend mit dem Publikum diskutieren und damit erste Impulse für die Folgetage geben. Samstag und Sonntag sind dann durch die aktive Partizipation aller Teilnehmer geprägt. Nach der Begrüßungsrunde, bei der sich jeder in drei Schlagworten („Tags“) vorstellt, wird der Tagesplan zusammengestellt. Jeder bringt sich ein, in dem er eine eigene Session anbietet, intensiv mitdiskutiert, über Sessions bloggt, twittert oder sich um die mediale Begleitung (Streaming, Aufzeichnung) kümmert. Grundsätzlich geht es, wie beim BarCamp üblich, um den freien Wissensaustausch. Es sollten also die Prinzipien offener BarCamps erfüllt und ein Fokus auf den Bildungskontext der unterschiedlichen Branchen erkennbar sein.

medienbewusst.de: Wer nimmt an einem EduCamp teil und wie viele Besucher erwarten Sie?

Kirchner: Am EduCamp nehmen nicht nur Wissenschaftler teil, sondern auch Lehrkräfte, Unternehmer und Studierende sowie andere Bildungsinteressierte.  Das aktuelle EduCamp öffnet erstmals noch stärker die Tore zur internationalen Bildungsszene. Es wird eine internationale Podiumsdiskussion, europäische Vor-Ort-Gäste und Live-Zuschaltungen aus Übersee geben, sodass ein komplett englischsprachiger Track organisiert werden kann. Bei den Besucherzahlen erwarten wir, ähnlich wie im letzten Jahr, 150 – 180 EduCamper. Sowohl die Themenvorschläge als auch die Eintragungen in das Veranstaltungsverzeichnis bestätigen diese Vermutung.

medienbewusst.de: Im letzen Jahr gab es bereits zwei EduCamp-Veranstaltungen, in Ilmenau und Berlin, wird es Veränderungen zu den Vorjahresevents geben?

Kirchner: Wir sind im Vorfeld der Veranstaltung noch stärker auf die Teilnehmer und Interessierten eingegangen. So wurden die Themen der Podiumsdiskussion durch die EduCamper in einer Blog-Umfrage selbst mit gewählt. Außerdem richten wir uns zum ersten Mal internationaler aus und haben versucht bereits im Vorfeld mit Hilfe der Online Round Tables auf die Veranstaltung aufmerksam zu machen.  Eine breitere mediale Begleitung wurde ebenso organisiert, sodass wir dieses Mal auch auf Streamings und die Aufzeichnungen der Sessions zurückgreifen können.

medienbewusst.de: Warum wird der Bereich „E-Learning“ überhaupt auf einer derartigen Konferenz von so vielen verschiedenen Interessengruppen thematisiert?

Kirchner: Es ist immer sinnvoll über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Wenn Wissenschaftler Lehr‑ und Lernmethoden entwickeln und anwenden sowie Werkzeuge zu deren Unterstützung einsetzen, dann können Lehrer diese vielleicht mit ihrer Klasse genauso gut nutzen und umgekehrt. Ebenso werden die Kinder und Jugendlichen von heute und morgen irgendwann in das Berufsleben einsteigen und ihre erlernten Kompetenzen beim Umgang mit dem Internet und der damit verbundenen Social Software im Unternehmen anwenden wollen, da sie mit ihnen vermeintlich effektiver arbeiten und sich schneller austauschen können. Die Diskussion über solche Fragestellungen und Themen kann also für alle Beteiligten sehr gewinnbringend sein und auf die Zukunft im Bildungskontext vorbereiten.

medienbewusst.de: Müssen sich Eltern und Pädagogen künftig auf ein Lernen und Lehren 2.0 einstellen oder liegt diese Neuerung noch in weiter Ferne?

Kirchner: Ich denke, dass sie sich in jedem Fall darauf einstellen müssen, da ihre Kinder und Schüler zunehmend mit dem Internet umgehen und sich zum Beispiel auf Portalen wie schülerVZ, StudiVZ, Myspace etc. tummeln, um sich mit Freunden auszutauschen. Sie wachsen also zunehmend mit Social Networking-Plattformen oder anderen Web 2.0-Tools auf und werden dieses Medium auch für Lernzwecke einsetzen. Das sollten sich vor allem die Pädagogen zunutze machen und gezielt Web-Applikationen wie Wikis oder Weblogs einsetzen, um ihren Unterricht zu bereichern und ein selbstgesteuertes, aktives Lernen zu fördern.

medienbewusst.de: Welche Bedeutung wird der Daten‑ und Jugendschutz in diesem Zusammenhang haben?

Kirchner: Daten‑ und jugendschutzrechtliche Aspekte werden eine zunehmend hohe Relevanz haben, da der Umgang mit persönlichen Informationen und fremden Inhalten im Internet Kompetenzen erfordert, die Kinder und Jugendliche erlernen müssen, um sich selbst zu schützen oder nicht gar strafbar zu machen. Es muss dazu verstärkt ein Bewusstsein aufgebaut werden, dass schon in der Schule, wenn nicht gar im Kindergarten, von Lehrenden gefördert wird und die Kinder und Jugendlichen zu proaktivem und überlegtem Handeln im Netz motiviert. Hier gilt der oft zitierte Leitspruch: „Think before you post!“

medienbewusst.de: Was denken Sie, wie und wo werden Kinder und Jugendliche künftig lernen?

Kirchner: Ich denke Lehren und Lernen wird viel vernetzter ablaufen. Neben dem herkömmlichen Lernen in Klassen‑ oder Seminarräumen, wird man sich eine persönliche Lernumgebung im Internet aufbauen, bei der man seine Lernprozesse und –ergebnisse darstellt und dadurch mit Personen in Kontakt kommt, die man vorher nicht kannte, die aber ähnliche Interessen haben und wertvolle Informationen für das eigene Lernen beisteuern können. Auf diese Weise können Seminar‑ und Unterrichtsgrenzen gewinnbringend überschritten werden.

medienbewusst.de: Wird es dann noch EduCamps geben?

Kirchner: In nächster Zeit wird es mit Sicherheit einige EduCamps geben. Anfang November beispielsweise an der TU Graz in Österreich, im kommenden Frühjahr voraussichtlich in Hamburg. Außerdem gab es bereits Interessensbekundungen aus Zürich, Aachen, Duisburg und Dortmund. Man denkt auch schon über mögliche Parallel-Camps nach, die sich durch Live-Schaltungen vernetzen. Die Zusammenarbeit mit der englischen Evolve Community und dem JISC Network könnten vielleicht sogar zu gemeinsam organisierten EduCamps über die deutschsprachigen Grenzen hinaus führen. Ich blicke also sehr optimistisch in die Zukunft, wenn es um ein EduCamp 2015 geht.

medienbewusst.de dankt für das Interview und wünscht weiterhin viel Erfolg.

Das Interview führte Annekathrin Rudolph

Marcel_Kirchner_Person.JPGZur Person:
Marcel Kirchner ist 26 Jahre alt, Promotionsstudent an der Technischen Universität Ilmenau und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Kommunikations-wissenschaft. Der junge Wissenschaftler beschäftigt sich mit dem Einsatz von Social Software im Bildungskontext, insbesondere in der Schul‑ und Hochschullehre. Vor allem interessiert ihn dabei, wie man sich mit Hilfe von E-Portfolios im Internet kompetent präsentieren und seine Lernaktivitäten unterstützen kann, um Kontakte zu knüpfen und sich schließlich später erfolgreich bewerben zu können.

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