Reinhard Horn – „Auf Augenhöhe mit den Kindern“

Artikel weiterempfehlen

Um Artikel über soziale Netzwerke weiterzuverbreiten, müssen Sie diese aktivieren - für mehr Datenschutz.

27. April 2011 Print This Post

Reinhard Horn ist einer der bekanntesten deutschen „Kinderliedermacher“. In seinen Texten thematisiert er Werte wie Freundschaft und Toleranz, Kinderrechte oder ökologische Fragen. Seit 1990 setzt er sich verstärkt im Bereich neuer Kinderlieder und in der Förderung von Kindern durch Musik und Bewegung ein. Im Jahr 2007 zeichnete ihn die UNESCO für das Klima-Musical für Kinder namens „Eisbär, Dr. Ping und die Freunde der Erde“ aus. medienbewusst.de sprach mit dem Künstler über seine Arbeit und die Magie des Singens.

Herr Horn, wer oder was hat Sie zur Produktion von Kinderliedern animiert?

Daran sind meine eigenen Kinder ganz maßgeblich beteiligt. Ich war zu der Zeit sehr erfolgreich mit meiner eigenen Band in Deutschland und auch international unterwegs. Mit der Geburt meiner Kinder hatte ich auf einmal das Gefühl, es ist schön mit den Kindern zu singen, sich Geschichten einfallen zu lassen, die Kinder durch die Musik und das Singen ansprechen zu können. Dadurch bin ich zum Kinderliedermacher geworden.

Können Sie beschreiben, was für Sie dabei den Reiz ausmacht?

Ich halte Kinder für das ehrlichste Publikum, das es gibt. Sie spiegeln sofort zurück, ob die Musik, der Text oder die Geschichten stimmig sind oder eben nicht. Das macht den Reiz der Arbeit eigentlich aus. Ich glaube, man bekommt selten ein direkteres Feedback für seine Arbeit als das von Kindern. Sei es in Konzerten, im Studio, wenn ich mit den Kindern für eine CD-Produktion arbeite oder auf der Bühne, wenn wir zusammen singen. Es ist immer ein sehr direktes Feedback und das macht die Arbeit sehr reich.

Ein Achtjähriger erklärte Sie einmal zum „tollsten Kinderversteher“. Was bedeuten solche Komplimente für Sie?

Das hat mich sehr tief berührt. Es war an einer Förderschule für Kinder. Beim Abbauen half mir dieses Kind und sagte auf einmal zu mir aus dem tiefsten Ton der Überzeugung: „Also weißte, du bist der tollste Kinderversteher, den ich kenne.“ Für mich heißt das, auf Augenhöhe mit den Kindern zu sein, zu spüren, welche Fragen sie haben. In vielerlei Hinsicht erscheinen Kinder nur als unfertige Erwachsene und ich finde, das ist eigentlich genau die verkehrte Sichtweise. Kinder sind so reich an Ideen und Fantasie, an Kreativität, an Ausdrucksvermögen. Es ist eine wunderbare Bereicherung sich mit Kindern zu beschäftigen und mit ihnen zusammen zu sein.

Sie haben eine Vielzahl von Alben für Kinder, Jugendliche und Erwachsene veröffentlicht. Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?

Mittlerweile habe ich über eine Million CDs verkauft. Für mich ist der Text, die Geschichte ganz wichtig. Wenn ich einen Text vor mir habe, entweder von einem meiner Songtexter oder von mir selbst geschrieben, dann spüre ich, welche Atmosphäre diese Geschichte braucht. Ich spüre, ob es eine lustige, nachdenkliche, eine Erzähl‑, oder eine Bewegungsgeschichte ist. Der Weg die Töne dafür zu finden, ist dann relativ schnell. Es geht aber, wie gesagt, über die Inspiration des Textes bei der Geschichte. Ich glaube, Kinder lieben witzige und auch berührende Geschichten.

Welche pädagogische Message geben Sie den Kindern über Ihre Lieder  mit auf den Weg?

Also die pädagogische Message heißt ganz einfach: „Jeder Tag an dem nicht mit Kindern gesungen wird, ist ein verlorener Tag.“

Was macht Ihrer Meinung nach das Singen für Kinder so wichtig?

Die Gehirnforscher haben in den vergangenen Jahren wichtige Erkenntnisse geliefert, was Singen für Kinder bedeutet. Prof. Dr. Gerald Hüther, Neurobiologe aus Göttingen, mit dem ich zusammenarbeite, hat dafür einen Begriff gefunden: „Singen ist Kraftfutter für Kinderhirne.“ Dieser beschreibt, wie unendlich wichtig es ist, mit Kindern zu singen, Musik zu machen, sich mit Kindern zu bewegen. Dies fördert die neuronalen Netzwerke. Kinder, die das tun, gelangen leichter und besser an ihre Ressourcen. Sie werden dadurch nicht schlauer, das kann man nicht sagen. Aber sie haben dadurch die Möglichkeiten ihre Talente stärker abzurufen, sozusagen ihre schlummernden Ressourcen freizusetzen.

Wie äußert sich das?

Dies kann ich Ihnen in so vielen Dingen bestätigen. Wenn ich mit Kindern zusammen arbeite, dann sehe ich, wie sie wachsen und groß werden. Ich habe vor drei Jahren ein spannendes Projekt mit Kindern aus Kinderdörfern gemacht. Diese haben eine ganz schwierige soziale Biografie. Zwei Jahre lang habe ich mich mit ihnen getroffen. Wenn ich zurückblicke und sehe, wie sich die Kinder in dieser Zeit durch das gemeinsame Singen und Ausprobieren der Songs mit Bewegung entwickelt haben und ich sie auf der Bühne sehe, wenn sie die Songs präsentieren, dann denke ich: „Toll, was haben die an Selbstbewusstsein, an Kraft, an Fantasie entdecken und freisetzen können.“

Wie kann man die kindliche Musikalität fördern?

Die allererste Möglichkeit ist für mich, dass die Mütter ihren Babys Wiegenlieder vorsingen. Wenn sie summen oder ihnen traditionelle Kinderlieder vorsingen, ist das die beste Förderung. Dafür brauchen sie keinen großen Musikkurs oder Instrumentalausbildung. Das Singen und die Bewegung dazu sind wunderbar. Die Afrikaner haben ein sehr schönes Sprichwort: „Wer sprechen kann, kann singen. Wer laufen kann, kann tanzen.“ Dies zeigt wie Singen und Bewegung, Musik und Tanzen zusammengehören.

Also gibt es keine unmusikalischen Menschen?

Wir sind eigentlich geborene Sänger und Sängerinnen. Denn bevor wir sprechen lernen, den ersten Laut, die ersten Laute in die Welt senden, lallen wir – das ist das Nachahmen der Melodiestimme der Mutter. Von daher ist Singen der unmittelbarste und direkteste Weg, Musik zu erfahren, Musik zu erleben und die Seele zum Schwingen zu bringen.

Wie würden Sie eine Person, die von sich behauptet unmusikalisch zu sein, vom Gegenteil überzeugen?

Wenn man gemeinsam die Zeit hätte, würde ich mich immer zum gemeinsamen Singen treffen. Dann würde man spüren, wie das Singen von Mal zu Mal leichter fällt. Wir würden einen Zuwachs an Möglichkeiten erleben, denn Singen kann man nur durch Singen lernen.

Sie setzen sich für den spielerischen Umgang und musikalische Bildung ein. Wie sieht dieses Engagement genau aus?

Ich bin ungefähr an 150 Terminen im Jahr unterwegs. Diese teilen sich zu einer großen Hälfte in Konzerte – meine Konzerte sind immer Mitmach-Konzerte – die andere Hälfte sind Fortbildungen, Seminare, Workshops, bei denen ich mit Lehrern und Lehrerinnen, Erziehern und Erzieherinnen zusammenarbeite. Ich gebe ihnen Material an die Hand, damit sie in ihrem pädagogischen Alltag Musik, Tanz und Bewegung stärker integrieren können.

Welche Projekte haben Sie für die nächste Zeit geplant?

Ich habe gerade die Kinderfußballhymne „One heart, one goal“ für die Frauenfußball-WM geschrieben. Das ist ein internationales Lied mit englischen, spanischen und deutschen Sprachanteilen. Dafür bin ich im Moment ganz viel unterwegs. Das nächste große Projekt findet im Dezember statt: Ich werde für „Ein Herz für Kinder“ auf große Deutschlandtournee gehen. Die Idee ist, dass ich mit Kindern für Kinder singe. Vor Ort wird es immer einen Kinderchor geben, mit dem ich gemeinsam auftreten werde. Über 1000 Kinder werden mit mir gemeinsam auf der Bühne stehen, singen und tanzen! Darauf freue ich mich schon sehr und ich lade jetzt schon alle Kinder und Familien zu diesen Konzerten ein!

medienbewusst.de bedankt sich bei Reinhard Horn für das Interview und wünscht weiterhin viel Erfolg.

Anika Bube

Bildquelle: © Simin Kianmehr

Ähnliche Beiträge

Kommentare