Der Musikladen, der auch sonntags geöffnet hat

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15. Juli 2011 Print This Post

Der Lieblings-Plattenladen hat geschlossen. Die Lieblings-Musik ist durchgehört. Neue Songs sind nicht in Sicht. Genau vor diesen Problemen steht Pauline. Dann kommt ihr die Idee: wieso die Musik nicht ganz einfach in einem der vielen Music-Stores im Internet kaufen gehen?

Die Sache mit „24 Stunden am Tag geöffnet“

Es ist Sonntag. Es ist 17 Uhr. Pauline liegt auf ihrem Bett. Die Arme hat sie entspannt hinter dem Kopf verschränkt. Ein Bein ist über das andere geschlagen. Ihr rechter Fuß wippt im Takt der Musik, denn in ihren Ohren hat sie weiße Kopfhörer. Das Kabel schlängelt sich von den Ohren bis zu ihrer rechten Hand, in der sie einen rechteckigen silbernen Gegenstand hält. Es ist ein  Mp3-Player. Genauer, ein iPod. Plötzlich hält sie inne. Ein neuer Song. Doch dann schüttelt sie das Gerät. Einen Moment lang passiert nichts. Dann pressen sich ihre Lippen zusammen. Sie schüttelt den iPod noch einmal. Dann wieder und wieder. Nach mehreren Versuchen macht Pauline ihre Augen auf und setzt sich im Schneidersitz auf ihr Bett. Das braune Haar, das ihr beim Aufrichten in das Gesicht gefallen ist, klemmt sie genervt hinter ihre Ohren. Jetzt drückt sie behutsam und dennoch energisch auf dem kleinen Gerät herum, fast so als ob es schuld daran wäre, dass ihr kein Lied gefällt. „Das kann doch nicht wahr sein.“ Sie sucht sich durch die Liederliste. Ohne Erfolg. Sie stöhnt genervt auf, hält kurz inne. Ihre Lippen sind fest verschlossen.

Die Sache mit dem Laptop

Ihre Augen suchen den Raum nach einer rettenden Idee ab. Sie scheinen kein festes Ziel zu haben. In kurzen schnellen Bewegungen suchen sie umher. Doch dann der Laptop. Ihr Blick verharrt auf dem Computer. Sie hat eine Idee. Man sieht es am Glitzern in ihren Augen. Sie holt sich den Laptop auf das Bett, klappt ihn auf und macht ihn an. Zum Glück war er nur Stand-by. Nach kurzer Ladezeit, für sie eine gefühlte Ewigkeit, öffnet sich der Desktop. Pauline nimmt den iPod und schließt ihn mit einem weißen Kabel am Laptop an. Ein dumpfer Sound aus dem Laptop und ein kurzes Zwitschern vom iPod. Beides ist miteinander verbunden. Kurz darauf öffnet sich in der Taskleiste ein blaues Symbol mit einer Musiknote darin, genauer zwei Achtelnoten, die durch ihre Fähnchen miteinander verbunden sind. Es ist das Logo von iTunes, der Schnittstelle zwischen dem iPod und dem Musik Store, dem iTunes Store. Mit einem kurzen Klick der rechten Maustaste gelangt Pauline in den Store.

Die Sache mit dem riesigen Angebot

Der Bildschirm ist nun bunt und übersät mit verschiedensten CD-Covern. In einer Slideshow sieht man die neuesten Angebote: EP Singles im Maxi-Format, iTunes Festival London, The 50 Greatest Pieces Of Classical Music. Paulines Augen werden größer. Die Auswahl scheint riesig zu sein. Sie scrollt mit dem Rad der Maus durch den iTunes Store. „So viele Songs. Die meisten kenne ich nicht einmal. Mal sehen, ob ich hier etwas finde?“ Sie fährt mit dem Mauszeiger über den Menüpunkt „Musik“. Es öffnet sich ein Fenster, in dem man ein Genre auswählen kann. Sie klickt auf den Button mit der Aufschrift „Rock“. Im Fenster erscheinen CD-Cover von The Beatles, Limp Bizkit, Iggy Pop, Metallica und so weiter. Dann verharrt Paulines Blick auf einem Album. In beigefarbenen Lettern steht „The Creepshow“ auf dem Cover. Darunter ist eine Menschenmenge, überwiegend Männer in weißen Hemden. Sie feuern eine junge Frau an. Ihren Oberarm zieren einige Tattoos. Ihr linker Arm hat gerade einen Mann getroffen. Dieser torkelt mit einem blauen Auge im Gesicht nach hinten.  Das Album heißt „They All Fall Down“. Dieses Album scheint genau den Reiz auszumachen, den Pauline gesucht hat.

Die Sache mit dem Probehören

Sie klickt auf das Cover. In einer Liste stehen nun die einzelnen Titel auf ihrem Bildschirm. „Get What‘s Coming“ klingt vielversprechend. Ein kurzer Klick mit der Maus und der Song beginnt. Aus dem Lautsprecher dröhnt schnelle und aggressive Musik mit weiblichem Gesang. Der Song macht Spaß auf mehr. Paulines Lippen formen sich zu einem verschmitzten Lächeln. Sie hat gefunden, was sie gesucht hat. Nach einigen weiteren Kostproben des auserkorenen Albums beginnt sich ihr Fuß im Takt zu bewegen. Ihr Oberkörper bewegt sich rhythmisch zur Musik. Pauline hat sich entschieden, sie klickt auf „9,99 € Album kaufen“.

Die Sache mit dem Ladebalken

Ein Ladebalken, ein dunkelgrauer Streifen, bewegt sich im oberen Bereich langsam von links nach rechts. Nach einigen Sekunden öffnet sich ein kleines Dialogfenster: „Möchten Sie ‚They All Fall Down‘ wirklich kaufen und laden?“ – „Ja, möchte ich“. Mit einem Klick auf „Kaufen“ bestätigt sie. Sofort beginnt der Ladebalken sich erneut aufzubauen. Das Album wird geladen. Pauline freut sich. Ein paar Minuten und sie kann ihre neu erworbene Musik in voller Länge genießen. Doch plötzlich wird ihr Blick skeptisch. Ihre Augen kneifen sich zusammen. Ihre Miene wird argwöhnisch. Der Ladebalken bewegt sich langsamer als sonst. In ganz kleinen Schritten verdrängt der dunkelgraue Balken den hellen Untergrund. Pauline stützt ihren Kopf auf dem linken Arm ab. Die Finger ihrer rechten Hand trommeln auf ihrem Knie. Sie verliert den Ladebalken nicht aus den Augen. Nach gefühlten Minuten ist es soweit. Das Album befindet sich in der Mediathek. Noch schnell den iPod mit der neuen Musik aktualisieren. Wieder ein Ladebalken. „Boah, wie oft denn noch?!“ Pauline ist genervt. Ein kurzer schriller Signalton. Der iPod ist synchronisiert. Hektisch zieht sie das Kabel vom iPod ab. Stellt den Laptop neben ihren Hausschuhen auf den Fussboden. Steckt das Kopfhörerkabel in den iPod, stöpselt sich die Kopfhörer in die Ohren. Ein kurzes und geübtes Scrollen am iPod und das neue Album ist ausgewählt. Sie legt sich auf den Rücken, legt die Arme hinter den Kopf, winkelt ihre Beine an, legt das rechte Bein über das linke, schließt die Augen und bewegt ihren rechten Fuß im Rhythmus der Musik. Auf ihrem Gesicht ein zufriedenes Lächeln.

Anika Bube

Bildquelle:
© speyes – flickr.com

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