Fernsehnachrichten – Fenster in die (unheile) Welt

12. Juli 2010

Gewaltfrei und altersgerecht, das sind aus Sicht vieler Eltern zwei Eigenschaften, die gute Kinderfilme erfüllen müssen. Aber was denken die jungen Zuschauer über Fernsehnachrichten? Ist es in Ordnung, dass Kinder neben ihren Eltern sitzen, wenn im Fernsehen gerade über die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko berichtet wird? Sollten sie Bilder vom Erdbeben in Haiti sehen, wo Angehörige der Opfer über ihr Leid sprechen? Sind Kinder überhaupt für solche Nachrichten gewappnet? Gibt es Alternativen für ihre jeweilige Altersgruppe?

Kindgerecht sind Fernsehnachrichten nicht, da sind sich die meisten Eltern einig. Dies geht aus der qualitativen Elternumfrage „Familien und Fernsehen“ hervor, die das Internationale Zentralinstitut für Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) im Jahr 2001 durchführte. Nachrichtensendungen waren auf Platz vier der für Kinder ungeeignetsten Sendungen. Erstaunlich, dass immer noch fast die Hälfte, nämlich 48% der sechs- bis 13-jährigen Kinder in Deutschland gelegentlich bis oft Informations- und Nachrichtensendungen für Erwachsene sehen, wie die repräsentative Studie „Kinder und Medien 2003“ der ARD/ZDF- Medienkommission zeigt.

Wie diese Nachrichten auf Kinder wirken, darf jedoch nicht verallgemeinert werden, so Erziehungs- und Familienberaterr Dr. Jan-Uwe Rogge. Entscheidend seien verschiedene Faktoren, etwa die Bildungsvoraussetzung, das Interesse an der Umwelt und vieles mehr. Dabei spiele der kognitive und emotionale Entwicklungsstand des Kindes eine wichtige Rolle. Für kleinere Kinder sei etwa ein Vulkanausbruch weniger bedrohlich als ein Monster. Erst ab acht Jahren hätten sie die Fähigkeit zur Abstraktion entwickelt und beginnen, globale Ereignisse als Bedrohung zu empfinden. Zugleich betont Rogge, dass Nachrichten allein keine Ängste verursachen könnten: „Es geht immer um Vorerfahrungen. Nachrichten aktualisieren sie, über bestimmte emotionale Prozesse wird ein kritisches Ereignis erinnert,  was man zuvor real erlebt oder befürchtet hat.“

„Auch bei der Angstbewältigung gehen Kinder unterschiedlich vor“, so Rogge. „Selten suchen sie zuerst das Gespräch mit den Eltern.“ Jüngere Kinder würden ihre Furcht auf spielerische Art verarbeiten, indem sie in das zuvor gesehene Szenario eintauchen, es immer wieder nachspielen und versuchen, einen Ausweg zu finden.  Ältere Kinder suchen aktiv nach Informationen. Nami  N., 13 Jahre alt und Schüler der 7. Klasse, erzählt: „Also bei dem Hochwasser an der Oder damals, da hatte ich schon ein bisschen Angst. Da habe ich selbst nach mehr Infos geschaut. Was man da falsch gemacht hat, wie man das verhindern kann und so.“

Instinktiv suchen Kinder schon nach Lösungswegen. Kommunikationspsychologe Dr. Uli Gleich appelliert ebenfalls für eine positivere Ausarbeitung von Nachrichten. „Wichtig ist, dass man diese Bedrohung nie als unabwendbar darstellt. Selbst eine Klimakatastrophe, die uns ja häufig als unausweichlich erscheint, wirkt weniger bedrohlich, wenn nicht nur die Bedrohung an sich dargestellt wird, sondern wenn auch Informationen gegeben werden, wie man sie aufhalten kann.“

Unmittelbar eingreifen, bevor die Angst entsteht, könnte die Devise lauten. Indem Eltern aktiv mit den Kindern Nachrichtensendungen schauen und anschließend mit ihnen über die Themen reden, können sie ihre Kinder zum richtigen Zeitpunkt auffangen. Damit bleiben die Kinder nicht mit ihren Gedanken allein. Bei der Schülerin Cara H., 12 Jahre alt, ist das sogenannte Co.-Viewing zu Hause schon fest integriert: „Ich rede dann mit meinen Eltern am Tisch über das, was wir im Fernsehen geschaut haben. Ich sage ihnen meine Meinung darüber und frage sie, wenn ich etwas nicht verstanden habe.“

Manchmal fehlt den Eltern das Fachwissen oder die passenden Worte. In diesem Fall liegt es bei den Sendern, Eltern zu unterstützen und Kindern Antworten zu geben. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten haben diesen Bedarf erkannt. Erste Konzeptionen von Nachrichtensendungen mit Kindern als Hauptzielgruppe entstanden bereits in den 70er Jahren. In Deutschland ist bis heute das von ZDF produzierte Programm “logo!” das Aushängeschild für eine erfolgreiche, kindgerechte Nachrichtensendung. Die hauptsächlich für acht bis 12-jährige Kinder konzipierte Nachrichtensendung erreicht eine durchschnittliche Tagesquote von einer halben Million Kinderzuschauer zwischen drei und 13 Jahren.

Dass die Konzeption einer Nachrichtensendung für Kinder eine große Herausforderung darstellt, ist der Redaktion von “logo!” bewusst. „Man muss die Themen sehr gut verstehen, um sie sinnvoll vereinfachen zu können. Es ist eine journalistisch sehr anspruchsvolle Arbeit.”, so die stellvertretende verantwortliche Redakteurin  Imke Meier. Dabei ist das junge Publikum sehr anspruchsvoll. Da es Analogien zu Nachrichtensendungen für Erwachsene herstellt, empfindet es zu bunt und zu  kindisch gestaltete Nachrichtensendungen oft als weniger seriös, weniger  glaubwürdig. “logo!” betreffe dieses Problem nicht, findet Gleich. „ “logo!“  macht es seit langem gut und hat die Prinzipien aus der Wissenschaft für kindgerechtes Präsentieren vernünftig realisiert.”

Kindgerechtes Präsentieren, das bedeutet vereinfachen ohne zu  verabsolutieren. Geschichten erzählen mit einer verständlichen Sprache und einer hohen Konvergenz von Bild und Text. Und das wichtigste: „Kinder ernst nehmen!”, betont Meier. „Die Kinder wollen Ernst genommen werden, sie sind da sehr sensibel. Dazu gehört auch die Erwartung, dass im Studio Moderatoren stehen, die seriös wirken.”

Nachrichtensendungen für Kinder scheinen wichtig zu sein. Doch bis zum jetzigen Zeitpunkt ist “logo!”  in Deutschland die einzige tägliche Nachrichtensendung für Kinder. „Wir treffen uns bei Konferenzen mit europäischen Kindernachrichtensendungen. In Deutschland fehlt uns da der  Austausch.”, meint Meier.

Eine einzige Nachrichtensendung für Kinder kann nicht die ganze Zielgruppe abdecken. Nami N. (13) kann sich nicht mehr mit “logo!” identifizieren. Soll er in diesem Alter schon die Tagesschau gucken, oder zu Nachrichtensendungen von privaten Sendern umschalten, die zumindest für sein Alter „spannend und unterhaltend” wirken? Es fehlt an altersgerechten Alternativen für die jungen Nachrichtengucker, aber sollten deshalb Kinder gänzlich von Nachrichten verschont bleiben?

Gleich verneint dies und kommentiert: „Kinder wollen am Leben teilnehmen, Kinder sind neugierig, sie wollen Dinge erfahren. Aber sie sind nicht so zu behandeln wie ein rohes Ei, dem  man eine heile Welt vorgaukeln muss.” Das bestätigt auch Cara, die zum Thema „Erdbeben in Haiti“ sagt: “Ich mache mir Gedanken darüber, wie man den  Menschen helfen könnte. Aber Angst habe ich keine.”

Thuy Anh Nguyen

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